Überlegungen zur BITV

Überlegungen zur BITV

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Eines der wichtigsten Bücher, die wir 2018 herausgegeben haben, ist Einfache Sprache. Verständliche Texte schreiben von Dr. Andreas Baumert, Professor in Hannover. Auf Andreas Baumert aufmerksam wurden wir jedoch bereits zwei Jahre zuvor, als er sein Buch Leichte Sprache – Einfache Sprache: Literaturrecherche, Interpretation, Entwicklung veröffentlichte. Dieses, online frei verfügbare Buch ist das erste große wichtige Buch über die beiden Arten der Sprachvereinfachung.

Eigentlich muss jeder, der sich in diesem Land mit der Zugänglichkeit von Kommunikation beschäftigt, dieses Buch lesen. Es stellt nicht nur die (weltweite) Geschichte der Entstehung von Leichter und Einfacher Sprache dar, sondern behandelt auch die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachformen. Daneben informiert es über die Zielgruppen und bietet einen Einblick in die Effekte der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik nach dem Behindertengleichstellungsgesetz (kurz: Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung, BITV). Pflichtlektüre also, insbesondere für Menschen, die sich mit Behördenkommunikation beschäftigen.

Ein besonders interessantes Kapitel widmet Andreas Baumert der Entstehung von Leichter Sprache in Deutschland. Vor allem jetzt, da Leichte Sprache durch die BITV als dominante Form in der Behördenkommunikation promotet wird, ist es wichtig, den Prozess rund um diese Entscheidung für eine Sprachform zu verstehen.

Dieser Prozess verlief alles andere als geradlinig, entdeckt Baumert. Vor allem die Einführung sorgte für einige Verwirrung. Der ursprünglich von den Vereinten Nationen formulierte Ratschlag an Behörden, man solle in Plain Language (einem Synonym für Einfache Sprache) kommunizieren, wurde zunächst übernommen, veränderte sich jedoch im Laufe der Zeit ohne größere Debatten, Erklärungen oder Widerstand in Leichte Sprache. Um es noch einmal ganz klar zu sagen: Das, wofür die Vereinten Nationen sich entscheiden, war Einfache Sprache, und das, was deutsche Behörden daraus machten, war eine Reduzierung auf Leichte Sprache. Ohne dass diese Entscheidung irgendwie begründet wurde. Warum? Womöglich aus Unwissenheit, schreibt Baumert, aber vielleicht auch mit Absicht. „Nicht zuletzt sehen wir die Übersetzung von Plain Language in Leichte Sprache […] nicht nur als eine Vereinfachung, sondern auch als mögliche Verfälschung; die Welt könnte komplizierter sein, als es den Übersetzern behagt“ (S. 88).

Leichte Sprache als selig machende Form innerhalb des Zugänglichkeitsparadigmas ist inzwischen zur Tatsache geworden. Auch in der heutigen BITV 2.0 wird ausschließlich noch Leichte Sprache genannt, während Einfache Sprache (Plain Laguage) gänzlich fehlt.

Und das hat einige Konsequenzen, so Baumert weiter, der übrigens die BITV als gute Absicht lobt und als ein gutes Beispiel dafür sieht, wie eine Bürgerinitiative zum Handeln von Behörden führen kann (die Lebenshilfe spielte eine große Rolle bei der Entstehung des Gesetzes). Ein positives Signal also für Demokratie, Partizipation und Sorge um die Interessen sozial und gesellschaftlich Schwächerer.

Doch die Entscheidung, nur noch Leichte Sprache zu verwenden, hat auch eine Kehrseite, schreibt Baumert. Leichte Sprache kann eine Lösung sein, in manchen Kommunikationsfragen und bei speziellen Zielgruppen, doch sie ist nicht immer die wünschenswerte Lösung. Nicht alles ist in Leichter Sprache gut auszudrücken. Oft führt sie zu Schwarz-Weiß-Ansichten, denen die Nuancen fehlen. Nicht jedem nützt das.

Als Allheilmittel, um alle (und damit auch die untersten Gruppen im Bereich der Lesefähigkeiten) zu erreichen, kann Leichte Sprache jedoch mit einigem Nachdenken nicht wirklich gelten. Sie geht davon aus, dass alle Leser das Gleiche verstehen können. doch das stimmt natürlich nicht. Es geht um das Vorwissen des Lesers. Wenn das Verständnis nicht gegeben ist, dann löst Leichte Sprache auch keine Probleme.

Implizit stellt Baumert damit die Haltbarkeit der Behördenentscheidung in Frage. Und allzu rosig sieht er die Entscheidung für Leichte Sprache nicht: „Leichte Sprache ist für einige oder viele Klienten ein Segen. Sie rückt diejenigen in den Fokus, denen oft die Aufmerksamkeit verweigert wird. Verdienste kann ihr niemand streitig machen. Sie wird unverzichtbar bleiben, bis eine wissenschaftliche begründete Methode sie zu ersetzen beginnt. Dann wird sie in den Hintergrund treten, verblassen und schließlich verwelken” (S.89).