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Weltalphabetisierungstag

Die lange Liste an Aktivitäten in unserem Land zeigt, dass auch uns hier in Deutschland das Thema Alphabeitisierung am Herzen liegt. In der ersten Septemberwoche erscheint daher auch jedes Jahr eine Flut an Publikationen.
Aber so erfreulich und ermutigend diese Öffentlichkeit auch ist – trotzdem bleiben die Reaktionen fast unverändert. Immer wieder zeigen die Leute sich überrascht, überrascht über die große Anzahl an Analphabeten in unserem Land. Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland können gar nicht lesen und schreiben – wie kann das denn sein?


Diese Überraschung ist nicht unbegründet, obwohl sich anhand dieser Reaktionen auch eine gewisse Verwirrung zeigt. Verwirrung darüber, wie man diese 7,5 Millionen interpretieren soll. Denn primärer Analphabetismus wird noch immer oft mit sekundärem (oder auch funktionalem) Analphabetismus verwechselt. Darum hier noch einmal die Erklärung „auf gut Deutsch“: Bei primärem Analphabetismus kann jemand überhaupt nicht lesen oder schreiben, bei sekundärem oder funktionalem Analphabetismus verfügt jemand zwar über diese Fähigkeiten, jedoch auf einem unzureichenden Niveau.


Die Zahl primärer Analphabeten ist in Westeuropa relativ niedrig (die Zahlen unterscheiden sich von Land zu Land, teilweise sogar dramatisch). Auch bei uns in Deutschland ist die Zahl relativ niedrig. Etwas mehr als ein Prozent der Bevölkerung liegt auf dem 0-Niveau, kann also wirklich gar nicht lesen und schreiben. Mit anderen Worten: Es ist also nicht so, dass mehr als 7,5 Millionen Deutsche auf ein beschriebenes Blatt Papier schauen und nur Bahnhof verstehen. Der größte Teil dieser 7,5 Millionen kann sehr wohl Buchstaben und Wörter lesen, kann aber keine Sätze verstehen, die über das Niveau eines 9- bis 10-jährigen Kindes hinausgehen. Es sind Menschen, die einen ganz einfachen Text lesen können, aber nicht das entsprechende Rüstzeug mitbringen, um auf einem erwachsenen Niveau in einer komplexen Gesellschaft wie der unseren teilzuhaben.


Reduziert diese Nuancierung unser Problem zu einem Luxusproblem? Natürlich nicht. Denn gut lesen und schreiben zu können ist in unser von Sprache geprägten und stark digitalisierten Gesellschaft ein Basisbedürfnis geworden, so dass Menschen, die dieses Hindernis nicht überwinden, von Ausgrenzung bedroht sind. Vor allem die zunehmende Digitalisierung sorgt in großem Tempo für eine neue Mauer zwischen Lesern und Nicht-Lesern. Eine große Gruppe Menschen gerät womöglich ins Abseits, wenn wir nicht alles daran setzen, diese Kluft zu schließen. Es ist also gut, dass es weiterhin eine Öffentlichkeit für dieses Problem gibt. Nicht nur an diesem einen Tag.

 

 

 

 

 

 

Prof. Dr. Andreas Baumert:

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