Interview Sebastian Fitzek

Interview Sebastian Fitzek

Warum gibt es kein literarisches Quartett in Einfacher Sprache?

Der Schriftsteller und Journalist Sebastian Fitzek schreibt seit 15 Jahren Romane, die beim Publikum sehr gut ankommen und regelmäßig Preise gewinnen. Sein Titel AchtNacht war 2017 der meistverkaufte Roman in Deutschland. Fitzek engagiert sich als Schirmherr für Alphabetisierung und hat in einem seiner letzten Romane Das Geschenk sogar einen Analphabeten zum Held der Geschichte gemacht. 2019 hat der Spaß am Lesen Verlag den Debütroman Die Therapie in Einfache Sprache übersetzt und herausgegeben. Nun erscheint die Literaturübersetzung von AchtNacht. Aus diesem Anlass führten wir ein Gespräch mit dem Erfolgsautoren.

AchtNacht_Cover_LowresHerr Fitzek, wie muss man sich den Alltag bei Ihnen vorstellen?

Es gibt nicht den typischen Alltag bei mir. Jeder Tag ist anders, jeden Tag tauche ich in eine neue Welt ein. Mal sind es Lesungen, Interviews und dicht gedrängte Termine. Dann, in den Vorbereitungen für ein neues Buch, gibt es lange Interviews mit Psychologen, Polizisten, Tätern oder Opfern, und ich führe umfangreiche Recherchen durch. Wenn ich den ersten Entwurf eines Romans schreibe, sieht es von außen langweiliger aus. Ich sitze dann täglich ab 9 Uhr an meinem Schreibtisch und schreibe so viel wie möglich. Das macht etwa ein Drittel des Jahres aus. Wenn der Entwurf fertig ist, habe ich wieder viele Termine und spreche mit Fachleuten über einzelne Passagen, damit alles stimmig wird.

Wie ist die Idee entstanden, im Roman Das Geschenk einen Analphabeten zum Protagonisten zu machen?

Ausgerechnet auf der Leipziger Buchmesse wurden mir die Augen für das Thema Alphabetisierung geöffnet. Ich habe erfahren, wie viele Analphabeten es in Deutschland heute noch gibt. 6,2 Millionen sind eine schier unfassbare Zahl. Mir ist dann in den Sinn gekommen, das die Analphabeten das sind, was wir in der Literatur als Helden bezeichnen. Der Held in einer Geschichte trägt eine Maske, und seine größte Angst ist, dass jemand ihm die Maske vom Gesicht reißt. Viele gering literalisierte Menschen vollbringen übermenschliche Leistungen, um unerkannt durchs Leben zu kommen.

Sie sind ja Schirmherr in der Alphabetisierung. Was denken Sie über die Betroffenen?

Gesellschaftsspiele, Fahrkartenautomaten, Social Media, alles, was für uns alltäglich ist, davon sind sie ausgeschlossen. Trotzdem sind mit 60% die allermeisten im Berufsleben, zum Beispiel Lageristen, die sich genau merken, wo welche Schraube liegt, damit sie nicht auffallen. Es ist faszinierend, welche Leistungen sie vollbringen und es ist ein Gebot des Miteinanders, dass man sich dessen bewusst ist und dass man diese Leistung anerkennt.

Wer müsste aktiv werden, um den Analphabetismus einzudämmen? Wer steht da in der Pflicht?

Man muss zunächst mal das Thema bekannter machen und ins Bewusstsein rücken, dass Lesen zu können ein Geschenk ist und dass es nicht jedem gegeben ist. Aber kurioserweise herrscht Stillschweigen über das Thema.

Eigentlich müsste in den Medien das Angebot für gering literalisierte Menschen riesig sein, und das vermisse ich im Rundfunk und Fernsehen, gerade in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, die ja einen öffentlichen Auftrag haben. Das Fernsehen hat für die rund 9% Intellektuellen mehrere Literatursendungen im Angebot. Für die rund 10% Erwachsenen mit Leseproblemen gibt es meines Wissens keine einzige Sendung. Dabei ist es doch gerade das Fernsehen, mit dem man diese Leute am ehesten erreicht. Intellektuelle, die lesen können, erreichen Sie auf allen Kanälen, und natürlich auch schriftlich über Zeitungen und Zeitschriften. Aber an Angeboten für Nichtleser herrscht absoluter Mangel. Das ist ein richtiges Strukturproblem. Warum gibt es kein literarisches Quartett in Einfacher Sprache mit Betroffenen und Literaturpädagogen? Nicht als Ersatz des bisherigen Angebots, sondern als Ergänzung. So könnte man versuchen, mit dieser Form der Unterhaltung noch andere Kreise zu erreichen.

Und nehmen wir mal die Nachrichten. Sogar die Mehrheit aller Normalleser hat Probleme, die Nachrichten im Fernsehen zu verstehen. Deswegen begrüße ich Nachrichten in Einfacher Sprache, die es ja sogar auch bereits gibt. Die Zielgruppe dafür ist alles in allem sehr groß. Es ist ja so, dass man abends nach der Arbeit nach Hause kommt und erschöpft ist und vielleicht nicht mehr so gut folgen kann. Das ist ganz normal.

Letztlich steht es im allgemeinen politischen Interesse als Bürger, daran etwas zu ändern. Ich kann nicht als Lesender oder Schreibender einfach die Augen davor verschließen und sagen: „Das geht mich nichts an“.

Als Vertreter der schreibenden Zunft fühle ich mich doppelt in der Pflicht. Denn ich weiß, welche Welten sich durch Lektüre eröffnen. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie ist Lesen unsere Form des Reisens. Wir verreisen und kommen erholt von der Reise zurück. Wer nicht lesen kann, für den ist es viel härter, den Lockdown durchzustehen.

Die_Therapie-lowresWie wichtig sind Bücher für schwache Leser?

In der Literatur wird unterschieden zwischen Ernster und Unterhaltungsliteratur, und der Unterhaltungsliteratur haftet oft das Stigma an, einfach geschrieben zu sein, was als minderwertig gilt. Dabei müsste man doch sagen: „Hoffentlich erreicht man mit dieser Literatur auch andere Leserschichten“. Auf jeder Buchmesse wird bejammert, dass immer weniger Besucher kommen. Dabei gibt es Millionen, die wollen ja, denen fehlt dort nur ein passendes Angebot. Es wird leicht übersehen, dass Menschen mit geringen Lesekompetenzen durchaus lesen wollen. Vielleicht nicht jeder sofort, aber früher oder später kommt jeder an den Punkt, wo es ihm ein Bedürfnis ist. Wenn man dann zur Stelle ist und sagt: „Hier hast du eine Anlaufstelle, da wirst du beraten und da kannst du einen Kurs buchen, das kannst du lesen“, dann ist nicht nur den Betroffenen geholfen. Dann profitiert davon die ganze Gesellschaft. Diese Leute sind wie gesagt zu Hochleistungen fähig. Dadurch, dass bei uns nur die vermeintlichen Eliten gefördert werden, verlieren wir ein enormes Potential.

Haben Sie unser Buch Die Therapie in Einfacher Sprache gelesen und wie wirkt so eine Literaturvereinfachung auf Sie? Worin sehen Sie Unterschiede zu Ihrer Version?

Mir hat Ihre Fassung in Einfacher Sprache sehr gut gefallen. Präzise, knapp und komprimiert zu schreiben, ist eine hohe Kunst. Goethe soll ja mal gesagt haben: „Ich schreibe dir einen langen Brief, weil ich keine Zeit habe, einen kurzen zu schreiben.“ Ich habe ein paar Jahr im Radio gearbeitet und war damals ständig damit konfrontiert, wichtige Inhalte verdichten zu müssen. Was man im Rundfunk sagt, muss auf Anhieb verständlich sein, denn die Leute vor dem Radio können nicht zurückblättern wie in einem Buch. Ich habe also Übung darin, Sachverhalte gut auf den Punkt zu bringen. In Die Therapie habe ich alles Unwichtige weggelassen. Trotzdem wäre ich nicht in der Lage gewesen, das Buch so zu verdichten und gleichzeitig die Geschichte und die Spannung so zu erhalten, wie es in der Literaturvereinfachung vorliegt.

Haben Sie noch eine Botschaft an unsere Leserinnen und Leser?

Ich hoffe, mit meinen Werken das Motto des Verlages, nämlich Spaß am Lesen, zu vermitteln. Spaß beim Lesen ist das Wichtigste. Und wenn es mit meinen Büchern nicht klappt, dann ist ja auch noch eine große Auswahl anderer Titel in Einfacher Sprache da.

Herr Fitzek, wir danken für dieses Gespräch.

Foto: Markus Höhn

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AchtNacht Die Therapie