Anne Franks Tagebuch: Ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur weltweit

Anne Franks Tagebuch: Ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur weltweit

 

Im Interview setzt sich die Direktorin des Berliner Anne Frank Zentrums, Veronika Nahm, mit der Bedeutung von Anne Franks Tagebuch auseinander. Sie berichtet u.a., warum dieses nicht an Aktualität verliert und Menschen erreichen kann, die sich normalerweise nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

 

Frau Nahm, Sie sind Direktorin des Anne Frank Zentrums in Berlin. Mit Ausstellungen und Bildungsangeboten erinnert das Zentrum an das Leben von Anne Frank und die Zeit des Nationalsozialismus. Wie würden Sie die Bedeutung des Zentrums beschreiben?

Das Anne Frank Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Seit mehr als 25 Jahren erinnern wir an Anne Frank. Wir erreichen mit unseren Angeboten vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch pädagogische Fachkräfte und Familien. Mit unseren bundesweiten Ausstellungen, unserer Berliner Ausstellung und Lernmaterialien sowie pädagogischen Projekten erreichen wir mehr als 150.000 Menschen pro Jahr.

 

Weshalb sollten sich möglichst alle Menschen, egal welchen Alters oder Herkunft, mit Anne Franks Tagebuch und dem Leben der jungen Jüdin und deren Familie auseinandersetzen?

Das Tagebuch von Anne Frank ist ein authentisches biografisches Dokument. Leserinnen und Leser heute können mehr über die Verfolgung der Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus erfahren. Es bietet einen empathischen Zugang zur Geschichte der Shoah. Deswegen ist das Tagebuch ein wichtiger Teil der Erinnerungskultur weltweit.

 

Welche wertvollen Erkenntnisse können gerade Kinder und Jugendliche für das eigene Leben gewinnen? Wo entstehen Anknüpfungspunkte zu heutigen Lebenswelten?

Sie hat sich intensiv mit den verschiedenen Aspekten ihrer eigenen Identität auseinandergesetzt und den Zuschreibungen durch andere. Das sind Themen, die Kinder und Jugendliche auch heute noch beschäftigen – egal ob sie selbst von Diskriminierung betroffen sind oder nicht.

 

Warum bieten das Tagebuch und die Lebensgeschichte von Anne Frank die Möglichkeit, Menschen zu erreichen, die sich normalerweise nicht für Geschichte interessieren?

Es ist für Leserinnen und Leser heute einfacher, einen Zugang zur Geschichte der Shoah über das Schicksal einer Person zu erhalten als über Zahlen und Fakten aus einem Geschichtsbuch. Anne Frank wird im Tagebuch als Person sehr lebendig. Durch die Einblicke in ihre Gedanken kommt man ihr als Mensch sehr nah.

 

Warum verliert Anne Franks Tagebuch nicht an Aktualität?

Anne Frank setzt sich in ihrem Tagebuch zum einen mit Themen auseinander, die Kinder und Jugendliche auch heute noch beschäftigen wie Identität, Zukunftsträume, Frieden und Freiheit. Zum anderen wird Anne Frank von den Nationalsozialisten als Jüdin verfolgt und sie beschreibt antisemitische Gewalt. Auch heute ist Antisemitismus noch ein wichtiges gesellschaftliches Thema.

 

Was beeindruckt Sie persönlich am meisten an der Person Anne Frank?

Anne Frank hat es geschafft in der lebensbedrohlichen Situation im Versteck ihre Gedanken und Gefühle aufzuschreiben. Sie war optimistisch und selbstbewusst und wollte ihre Aufzeichnungen nach dem Krieg als Roman veröffentlichen.

 

Frau Nahm, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!

 

Zum Anne Frank Zentrum:

Das Anne Frank Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Mit Ausstellungen und Bildungsangeboten erinnert das Zentrum an Anne Frank und ihr Tagebuch. Es schafft Lernorte, in denen sich Kinder und Jugendliche mit Geschichte auseinandersetzen und diese mit ihrer heutigen Lebenswelt verbinden. Sie lernen gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und sich für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie zu engagieren.

Das Anne Frank Zentrum zeigt eine ständige Ausstellung in Berlin und Wanderausstellungen in ganz Deutschland. Es setzt bundesweit Projekte um und entwickelt Materialien zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Holocaust sowie mit Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung heute.
Das Anne Frank Zentrum hat seinen Sitz in Berlin und ist ein gemeinnütziger Verein. Das Zentrum ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt und Mitglied im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.

 

Zu Veronika Nahm:

Veronika Nahm ist seit 1. Juni 2021 Direktorin des Anne Frank Zentrums. Zuvor leitete sie den Bereich Berliner Ausstellung und Pädagogik im Anne Frank Zentrum. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind derzeit historisches Lernen in der Grundschule, die Verknüpfung von historischem Lernen und Menschenrechtsbildung sowie die pädagogische Arbeit gegen Antisemitismus und andere Diskriminierungsformen im europäischen Kontext. Sie hat in München, Berlin und Paris Geschichte und Jura studiert. Von 2004 bis 2007 arbeitete sie für den Bereich Bildung und Vermittlung des Deutschen Historischen Museums. Sie leitet die Kommission Jugendbildung im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.

Bildnachweis: © Ruthe Zuntz