Kinder brauchen Märchen, aber Erwachsene auch

Es ist ein bisschen aus der Mode geraten: Eltern lesen ihren Kindern vor dem Schlafengehen ein Märchen vor. Es ist nicht das Vorlesen, das verschwunden ist. Nein, es sind die Märchen, die ersetzt wurden durch Kinderliteratur. Roald Dahl oder Cornelia Funke haben die altmodischen Märchen beim Zubettgehen verdrängt. Natürlich sind die Geschichten von Dahl und Funke nicht schlecht – ganz im Gegenteil: Wir müssen sie vielleicht sogar als moderne Märchen sehen. Doch die langsame Verdrängung der alten Märchen aus unserem Leben ist in gewisser Weise ein unbemerkter Verlust.

Märchen spiegeln die Entwicklung eines Kindes wider und gewissermaßen auch die der Menschheit, stellte der bekannte Märchenforscher, der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, in seinem Meisterwerk Kinder brauchen Märchen fest. Laut Bettelheim sind Märchen ein fantastisches – und manchmal auch grausames – Abbild unserer wichtigsten Suche: der nach dem Sinn des Lebens.

Bettelheim war ein Verfechter des Vorlesens von Märchen. Denn Märchen bieten Kindern auf eine spielerische Art und Weise einen Einblick in die psychologischen Probleme des Aufwachsens. Wie geht man mit ambivalenten Gefühlen gegenüber den eigenen Eltern um? Wie kriegt man seine Gefühle in den Griff? Märchen warnen Kinder vor den Gefahren, die ihnen begegnen können und die sie vielleicht vermeiden könnten. Und bei all dem sind Märchen ausgezeichnetes Erzählmaterial für kurz vor dem Einschlafen, fügte Bettelheim hinzu: Denn es gibt fast immer ein Happy End.

So gesehen sind Märchen eigentlich die ultimativen Klassiker: fantastische Erzählungen mit einer Moral, die hier und da zwar vielleicht veraltet ist, aber oft doch noch eine universelle Gültigkeit besitzt. Man nehme nur einmal die Geschichte von Rotkäppchen: Man sollte nicht jedem vertrauen und es ist wichtig, auf die Eltern zu hören. Nun gut, haarige Wölfe gibt es in unseren Gefilden vielleicht nicht mehr so oft, doch die Wölfe von heute liegen im Internet auf der Lauer. Auch die Moral von Rumpelstilzchen gilt noch immer: Lügen haben kurze Beine. Oder die der Bremer Stadtmusikanten: Gemeinsam ist man stark.

Gerade darum fanden wir vom Spaß am Lesen Verlag es wichtig, auch diese “Urgeschichten” zu vereinfachen. Die bekanntesten erscheinen nun kurz nacheinander. Bereits früher im Jahr veröffentlichten wir die Märchen von Andersen und diesen Monat folgen die der Gebrüder Grimm. Bewusst haben wir uns für die ursprüngliche Variante der Märchen entschieden – und nicht für die Disney-Variante, die heutzutage fast bekannter ist. Zwar ist die Disney-Variante einfach und freundlicher, doch bei ihr gerät auch die Moral (der eigentliche Entstehungskern) in den Hintergrund.

Aus der Grimm-Sammlung wählten wir sieben Märchen. Womöglich kennen Sie die Geschichte hinter diesen Märchen ...? Die Gebrüder Grimm, Jacob und Wilhelm, wollten eigentlich gar kein Kinderbuch schreiben. Sie wollten aus wissenschaftlichem Interesse heraus orale Erzählungen schriftlich festhalten, bevor sie aussterben würden. Ihre Suche nach den Volkserzählungen begann eigentlich als Forschung nach den Quellen der deutschen Sprache. Dreizehn Jahre lang wanderten die Brüder durch Deutschland, um die Märchen aufzuschreiben. So ganz ehrlich waren die Brüder dabei selbst nicht: Sie erzählten jedem, der es hören wollte, dass sie ihre Geschichten auf den Höfen der Bauern aufgeschnappt hätten. In Wirklichkeit waren ihre Informanten jedoch oftmals Adelige, die die Geschichten ihrer Bediensteten weitererzählten. So machten die Brüder aus ihren eigenen Suche ein Märchen.