Die wunderbare Welt der Pseudonyme

 

Wissen Sie, was Mark Twain und John le Carré gemeinsam haben? Sie sind Autoren, die nicht unter ihrem eigenen Namen schrieben, sondern unter einem Pseudonym. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain hieß eigentlich Samuel Langhorne Clemens und hinter John le Carré verbarg sich David John Moore Cornwall.

Einen Leser kann es verwirren, dass der Autor, den er gerne liest, eigentlich einen anderen Namen trägt. Millionen Menschen kennen Alice im Wunderland von Lewis Carroll, aber nur wenige wissen, dass der bürgerliche Name des Autors Charles Lutwidge Dodgson war.

Die Harry Potter-Bücher verkaufen sich nach wie vor wie warme Semmeln. Wenig bekannt ist, dass die Autorin J.K. Rowling gar keine zwei Vornamen besitzt. Ihr richtiger Name ist einfach Joanne. Ihr Verleger wollte die Serie ungern unter einem Frauennamen veröffentlichen. So lieh sich die junge und unerfahrene Joanne den Vornamen ihrer Großmutter Kathleen aus, um die bekannten Initialen zu erhalten.

Die Gründe, ein Pseudonym zu verwenden, sind vielfältig. Aus Autorensicht bieten sich viele Vorteile: Ein Künstlername dient als eine Art Maske, sorgt für eine gewisse Anonymität und bietet die Freiheit, offener und kreativer zu schreiben. Ein fingierter Name bildet immer auch einen Schutz gegen äußere Reaktionen. Das gewinnt auch gerade dann an Bedeutung, wenn jemand über sehr persönliche Dinge schreibt oder wenn er nicht von vorneherein mit den in seiner literarischen Arbeit vertretenen Ansichten in Verbindung gebracht werden möchte.

Für eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller mit einem Pseudonym ist es außerdem leichter, zu einem anderen Genre zu wechseln. So schreibt J.K. Rowling ihre Thriller unter dem Pseudonym Robert Galbraith. Leserinnen und Leser assoziieren Autorinnen und Autoren oft mit einem spezifischen Genre, in dem sie erfolgreich sind, was bei einem Wechsel zu einem Problem werden kann. Bei Rowling/Galbraith funktionierte es umgekehrt. Diese Bücher liefen anfangs nicht gut. Erst als bekannt wurde, dass tatsächlich die Autorin von Harry Potter hinter den Werken steckte, stiegen die Verkaufszahlen.

Ebenfalls einfach ist der Wechsel zwischen Geschlechtern. Jeder vermutete, dass sich hinter dem berühmten Dichter George Eliot ein Mann verbarg. Aber in Wirklichkeit war es eine Frau: Mary Ann Evans. Als Kind ihrer Zeit nahm sie an, dass ihre Gedichte nicht so gut aufgenommen würden, wenn sie von einer Frau veröffentlicht würden. Also wählte sie einen männlichen Namen.

Manchmal entscheidet sich eine Autorin oder ein Autor auch für ein Pseudonym, das ‚besser klingt‘ als der Ursprungsname. Dies war der Fall bei oben erwähntem Lewis Carroll. Er nahm an, dass er mit Lutwidge als zweitem Vornamen nicht weit kommen würde. Der berühmte Schriftsteller Joseph Conrad hieß eigentlich Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski. Er war polnischer Abstammung und vermutete, dass sein eigener Name auf dem Cover seiner englischen Bücher seinem Ruhm abträglich sein würde. Es gibt also viele Gründe für eine Schriftstellerin oder einen Schriftsteller, ein Pseudonym zu wählen.

Manche Autorinnen und Autoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und entwickeln aus einem Pseudonym eine eigene Figur: Torsten Rohde zum Beispiel – der Mann, der unter dem Namen Renate Bergmann schreibt, die auch als Twitter-Omi bekannt ist. Sie kennen vermutlich die Tweets – geschrieben aus der Perspektive einer Oma – über deren Sicht auf die Welt: offenherzig, einzigartig und oft sehr lustig. Der Berliner Rohde kam nach einer Familienfeier auf die Idee, diese real nicht-existierende Großmutter in den sozialen Medien einzuführen. Schon im Jahr 2013 schickte er seinen ersten Tweet als Renate Bergmann.

Ein Jahr später war die Omi bereits so berühmt, dass er als Renate Bergmann sein erstes Buch verfasste. Das wurde der Beginn einer Reihe erfolgreicher Bücher im Rowohlt Verlag, von denen wir bereits zwei neu übersetzt haben. Renate Bergmann ist mittlerweile eine Kultfigur, hält Lesungen und Vorträge (in denen sie von einer Schauspielerin verkörpert wird), ist in Interviews zu hören und auch auf andere Weisen in den Medien präsent. Um Bergmann herum ist ein Fanclub entstanden, der absolut einzigartig ist. Kürzlich haben wir Ich seh den Baum noch fallen in Einfacher Sprache herausgebracht – ein guter Grund, über den Autor und die Erschaffung ‚seiner Großmutter‘ ausführlicher zu berichten. Lesen Sie hier das Interview mit Torsten Rohde.