Das Jungenproblem

Bei der letzten großen PISA-Studie vor einem Jahr diskutierten wie auch schon zuvor die Experten heftig miteinander: Wie können wir den Trend zu immer schlechteren Ergebnissen umkehren? Aufschrei in den Medien, Fragen im Bundestag und ein Minister in Erklärungsnot – die Studie leistete ganze Arbeit, das Land war wieder wachgerüttelt. Zurecht, denn ein Großteil mangelhaften Ergebnisse betraf die Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten unserer Jugend, grundlegende Fähigkeiten, ohne die ein Kind oder junger Erwachsener nicht weit kommt im Leben. Umso wichtiger also, dass die schlechten Ergebnisse für viel Aufruhr sorgten. Es geht schließlich um die nächste Generation, die unser Land voranbringen muss. Und das wird ganz schön schwierig, wenn diese Generation zum Teil aus funktionalen Analphabeten besteht …

Trotz des großen Aufruhrs blieben einige Dinge unbeachtet. So wie auch sonst im Leben manche Themen für mehr Sensibilität sorgen, ist es auch in der Bildung. Das Geschlecht zum Beispiel. Bei dem ganzen Entsetzen über die letzte PISA-Studie sah kaum jemand, dass Jungen viel schlechter abschnitten als Mädchen, insbesondere beim Lesen und Schreiben.
Jungen lesen schlechter, finden Lesen nicht so wichtig und empfinden es oft als Zwang. Es steht ergo ganz unten auf der Liste ihrer Beschäftigungen. Internet, Musik, am Computer oder Smartphone spielen – die meisten Jungen machen all das lieber als ein Buch zu lesen. Lesen ist langweilig und uncool!

Professor Dr. Christine Garbe aus Berlin hat dieses Phänomen gründlich erforscht. Inzwischen emeritiert, war sie lange Literaturwissenschaftlerin an der Universität Köln. Was sie besonders bewegte: „Die größten und konsistentesten Geschlechterunterschiede sind im Bereich Lesen zu beobachten. In allen PISA-Teilnehmerstaaten erreichen die Mädchen im Lesen signifikant höhere Testwerte als die Jungen. In Deutschland entspricht der Leistungsvorsprung ungefähr einem Schuljahr.”

Ihre Forschung zeigt, dass die Unterschiede im Leseverhalten schon früh auftreten, eigentlich schon in der Grundschule. Bei den Jungen manifestiert sich das am stärksten in den letzten Grundschulklassen. Im Alter von acht Jahren empfinden vier von zehn Lesen noch als sinnvolle Beschäftigung; im Alter von vierzehn Jahren ist es nur einer von zehn. Ein ziemlich klarer Rückgang also. Zum Vergleich: Bei Mädchen sinkt die Zahl nur von sechs auf fünf. Das ist auch ein Rückgang, aber nur ein relativ geringer.

Dass Mädchen besser abschneiden, lässt sich somit leicht erklären: Sie lesen öfter, sie lesen länger, und sie finden es wichtiger. Und wer etwas häufig tut, wird immer besser darin. Viele Fähigkeiten sind einfach eine Frage der Übung, und Lesen und Schreiben sind da nicht anders.

Sind Jungen also hoffnungslos verloren? Nein, das wäre ein vorschnelles Urteil. Wenn wir nur Anreize bieten, lässt sich einiges bewegen. Aber dann muss man schon hinsehen, was sie lesen wollen, und ihnen das dann auch geben. Und man muss vor allem das Lesen an sich fördern – egal, was man liest – und dann ein Auge zudrücken, wenn es darum geht, ob die Bücher eine hohe literarische Qualität haben oder nicht.

Was lesen Jungen gerne? Sachbücher, Bücher über Technik, und wenn sie Belletristik lesen, dann gerne Fantasy. Das sind Bücher, die gemeinhin nicht als kulturell hochwertig gelten. Und genau da liegt die Herausforderung für die Bildung.
Die meisten Lehrkräfte wollen, und das liegt in ihrer Natur, „etwas mitgeben”. Bei ihrer Wahl einer Klassenlektüre entscheiden sie sich oft für „kulturell hochwertige“ Titel und für Bücher, die Preise gewonnen haben. Bücher, die meist nicht den Interessen von Jungen entsprechen. Hinzu kommt noch, dass die meisten, also 90% der Lehrkräfte an Grundschulen weiblich sind und dass sie, so gut ausgebildet sie auch sein mögen, intuitiv Bücher wählen, die sie anziehen, und dann ist klar, dass zwischen Nachfrage und Angebot eine große Schlucht liegt.

Wer Jungen zum Lesen anregen will, muss sich trauen, „out of the box“ zu denken. Und sich vor allem trauen, kulturelle Hindernisse zu überschreiten. Vergessen Sie den Begriff „kulturell wertvoll“ oder wenden Sie ihn nur auf die Hälfte der Klasse an, bei den Mädchen. Für Jungen gilt vorläufig noch die Notverordnung, und die lautet: Jede Seite zählt.