Klassiker

 

Warum vereinfachen wir noch „Klassiker”, Literatur aus vergangenen Zeiten? Diese Frage wurde mir vor kurzem in einem Interview gestellt. Die Dame, die mich interviewte, schlug einen leicht provakanten Ton an: Betrachte man die mangelnde Leseroutine von Jugendlichen, die doch sowieso kaum Bücher zur Hand nähmen, müsse man sie dann wirklich noch mit veralteter – ergo: langweiliger – Literatur belästigen? Sollte man das nicht besser unterlassen? Und wäre es nicht besser, nur noch Bücher herauszugeben, die Jugendlichen gefielen? Bücher, die hip und trendy sind?

 

Die Aussage war überdeutlich: Alte Literatur ist nur etwas für Liebhaber. Sie gehört vornehmlich in angestaubte Bibliotheksregale, in dunkle Ecken in Antiquariaten oder in die Bücherregale bereits ergrauter Senioren.

Ihre Provokation funktionierte. Sie traf meinen wunden Punkt und ich geriet ins Stolpern, insbesondere über den Begriff „belästigen“. Ich stolperte über die Idee, dass Literatur von früher immer angestaubt ist; etwas aus einer anderen Zeit, zu dem wir keine Verbindung mehr haben, was uns nicht mehr interessiert: Literatur mit überholten Themen, die wir schon lange hinter uns gelassen haben.

 

Ich bezog Stellung. Literatur altert, genau wie alle Formen von Kunst, nicht, erklärte ich. Literatur handelt von Menschen und menschlichen Beziehungen. Und diese sind – wie auch immer man mit dem heutigen Fortschrittsübermut die menschliche Anpassungsfähigkeit beurteilen mag – seit tausenden Jahren gleich. Ganz gleich, ob ihre Frage ironisch gemeint war oder nicht: Zeugte ihre Frage nicht von einem beschränkten Blick auf die Vergangenheit, von einer abwertenden Sicht auf die Geschichte? Sie war ein Symbol des Vorrechts junger Menschen: Alt ist out – alles muss jung, frisch und optimistisch sein. Dabei ließ ich noch die Frage außer Betracht, ob es pädagogisch so wertvoll sei, jungen Menschen nur das Lehr- und Lesematerial vorzusetzen, das ihnen gefällt. Man lässt sie ja auch nicht jeden Tag Pizza essen.

 

Jedes Jahr finden sich einige vereinfachte Klassiker in unserem Programm. Wir machen das aus Überzeugung. Literatur, die eine so lange Zeit überstanden hat, konnte das nur, weil sie etwas über die Conditio humana sagt. Die Schar von Menschen, die zum Beispiel noch immer Shakespeare liest, tut das nicht, weil sie so gerne angestaubte Seiten durchblättert, sondern weil Theaterstücke noch immer eine große Bedeutung für die Gegenwart haben. Dass Romeo und Julia immer wieder neu verfilmt oder auch neu aufgeführt wird – denken Sie nur mal an West-Side-Story – liegt daran, dass es eine beispiellose Wiedergabe eines zwischenmenschlichen Dramas ist, das so alt wie die Menschheit selbst ist: Eine unmögliche Liebe wird in einer feindlichen Umgebung erstickt.

 

Literatur – oder sollte ich sagen: gute Literatur? – übersteht Jahrhunderte und verliert nie an Aktualität. Vielleicht erscheinen dem heutigen Leser das Dekor und die Ausstattung etwas gewöhnungsbedürftig. Vielleicht reden und reagieren die Figuren im Buch auch etwas anders, als wir es gewöhnt sind. Doch die Kraft der Geschichten bleibt. Übrigens ist gerade dieses Dekor interessant, denn es zeigt uns, wie sich die Zeiten geändert haben und welche Spuren wir zurückgelassen haben auf dem Weg zum Jetzt und Heute.

 

Wir nerven Jugendliche nicht mit Klassikern, wir bereichern sie. Und genau so soll es sein. Denn dafür gibt es Unterricht: zum Fenster öffnen und um zu zeigen, dass das Leben dreidimensional ist. Gerade in dieser Zeit mit ihrem manchmal etwas eindimensionalen Moralismus ist das bestimmt kein überflüssiger Luxus.

 

Ein schönes Beispiel für die Neubewertung von älterer Literatur ist einer der aktuellen Netflix-Hits: Arsène Lupin, die Hauptfigur einer französischen Krimireihe aus dem letzten Jahrhundert. Auf Basis der alten Romane entstand eine spannende Netflix-Serie, mit einem überzeugenden Omar Sy in der Hauptrolle. Einen der alten Romane haben wir aufgegriffen und vereinfacht. Das Buch Arsène Lupin. Meisterdieb erscheint diesen Monat. Es zeigt, dass es keine alte Literatur gibt. Es gibt nur Literatur.