Gemeinsam gegen das Lesedefizit

 

Regelmäßig lesen wir es in der Zeitung: Junge Menschen verfügen über weniger Grundkenntnisse. Die Fähigkeiten, zu lesen und zu schreiben scheinen immer geringer zu werden. Einigen Expertinnen und Experten zufolge ist es fünf vor zwölf. Wenn wir nichts unternehmen, könnte der Schaden irreparabel sein.

Die Lösung scheint auf der Hand zu liegen: mehr Aufmerksamkeit für die grundlegenden Kompetenzen und mehr Ressourcen sowie Lehrerinnen und Lehrer. Kurzum: eine größere Anzahl von Arbeitskräften, vielleicht mit einem Schuss Innovation durch erhöhten Einsatz von Technologie oder intensiverer Arbeit in Projektteams.

Zweifellos arbeitet die Politik daran. Wahrscheinlich gibt es außerdem eine Menge Lobbyarbeit für zusätzliche Finanzspritzen. Was aber wahrscheinlich nicht getan wird, ist, sich den Hintergründen des Problems anzunehmen. Wie kommt es zum Beispiel, dass die Lese- und Schreibausbildung so sehr leidet? Ist das Bildungssystem allein dafür verantwortlich, oder spielen auch andere Faktoren eine Rolle? Könnte es vielleicht auch mit der vorherrschenden Bildschirmkultur zu tun haben, die bereits kleinen Kindern jegliche Motivation nimmt, sich mit dem Lesen zu beschäftigen?

Das Alter, in dem Kinder von ihren Eltern ein Smartphone erhalten, sinkt stetig. Es gibt bereits Dreijährige, die mit ihren Fingern auf den Tasten üben. So werden Kinder schon früh an schnelle Reize gewöhnt. Visuelle Ablenkungen sind allgegenwärtig und für jedes Kind auf Knopfdruck verfügbar – schnell zu konsumieren, schnell wegzuklicken. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass die durchschnittliche Konzentrationszeit junger Menschen nur 30 Sekunden beträgt. Danach stellt sich Langeweile ein. Das ist keine ideale Voraussetzung für fundiertes Lernen.

Die schnelle Bilderflut zieht Kindern den Boden unter den Füßen weg. Sie verhindert, sich mit einer komplexen Tätigkeit zu beschäftigen. Eigentlich lesen Kinder gerne. Aber dass sie das tun, ist heutzutage weniger selbstverständlich. Lesen erfordert viel Übung. Kinderjahre sind dafür ideal. Gerade deswegen muss diese Zeit genutzt werden. Dabei geht es auch darum, beim Lesen intensiv in einen Text einzusteigen, um schwierige Inhalte verstehen zu lernen. Viel zu oft aber trainieren wir unsere Jugend (und uns selbst oft unwissentlich auch) in oberflächlicher Lektüre mit Hilfe von Kurznachrichten im Internet und schneller Information in sozialen Medien. Häufig fühlen wir uns damit sogar auf trügerische Weise sehr wohl.

Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass sich unsere Gesellschaft in den vergangenen 50 Jahren gewaltig verändert hat. Heute leben wir in einer Welt, die eine echte digitale Revolution erlebt hat und die eine gigantische Menge Text produziert. Wer nicht richtig lesen kann, bekommt spätestens auf dem Arbeitsmarkt ein Problem.

Deswegen ist es so wichtig, die Fähigkeit des Lesens von klein auf zu erlernen – diese komplexe Kompetenz, die einem Wunder der multifunktionalen Gehirnleistung gleichkommt. Und es gilt, diese zu hegen und zu pflegen, sodass aus dem Samenkorn einmal eine blühende Pflanze heranwächst. Damit die Jüngsten nicht zu einer Generation von Erwachsenen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten werden, müssen wir uns um sie besonders kümmern.

Mich beeindrucken Erfahrungen wie die an der Hamburger Grundschule Kirchdorf, einer Brennpunktschule. Dort verbesserten sich fast alle schwachen Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 4 innerhalb eines Jahres maßgeblich. 2020 wechselte ein knappes Drittel auf das Gymnasium. Ein entscheidender Baustein zu dieser Erfolgsgeschichte, die 2019 mit dem Hamburger Bildungspreis belohnt wurde, war die Einführung täglicher Lesezeiten. Die regelmäßigen Leseroutinen zeigten Wirkung: In der Folge erzielten die Kinder auch in den anderen Fächern Fortschritte.

Aber es ist eben nicht nur an den Schulen, sondern insbesondere auch in der Verantwortung der Eltern, die Nutzung schnell konsumierbarer Medien einzuschränken und die Kinder zum Lesen zu ermutigen. Höchste Zeit also, gemeinsam den Kampf gegen die Entmutigung des Lesens aufnehmen, denn Lesen und Schreiben sind die Bausteine unserer Gesellschaft und Kultur. Worte sind der Kitt unserer Denkprozesse. Kurzatmigkeit beim Lesen bedeutet Kurzatmigkeit beim Denken. Geringe Lese- und Schreibfähigkeit ist kein isoliertes Phänomen, sondern ein Symptom für eine Gesellschaft, die ihre Lese- und Schreibfähigkeit verliert. An dieser Stelle dürfen wir nicht stehenbleiben …