Lesefreude

 

Wie kriegen wir unsere Jugendlichen wieder zum Lesen?
Diese Frage taucht immer wieder auf, sobald die Sprache auf die Ergebnisse der letzten Pisa-Studie kommt. Das ist kein Wunder, denn wenn man die Ergebnisse mit denen der letzten Jahrzehnte vergleicht, dann zeigt sich eine abfallende Kurve, die immer mehr in Richtung eines freien Falls sinkt. Ein Fünftel der Jugendlichen gilt als schwache Leser; die Hälfte der Jugendlichen liest nur, wenn es sein muss.

Es heißt, dass in Ministerkreisen bis zu später Stunde über dieses Problem diskutiert wird. Und wer der Berichterstattung folgt, der stößt immer wieder auf die Förderung der „Lesefreude“. Das verwundert nicht, denn Politiker bieten gerne optimistische Lösungen, die eine frohe Botschaft ausstrahlen. Der Begriff Lesefreude passt genau ins Schema.

Auf den ersten Blick klingt der Begriff gut. Man sorgt dafür, dass Jugendliche Lust aufs Lesen bekommen und dann wird die Sache zum Selbstläufer. Wer Spaß an etwas hat, der tut es ohne Widerworte – am liebsten täglich und so oft wie möglich. Tja, eigentlich scheint man hier das Ei des Kolumbus entdeckt zu haben: Wir schaffen den Widerwillen ab und alle lesen nur noch mit strahlenden Gesichtern.

Sehen Sie sie auch schon vor Ihrem inneren Auge? Diese Welt, in der die Freude am Lesen ihren Durchbruch erlebt hat? Auf Schulhöfen und an Bushaltestellen – überall tummeln sich Jugendliche, die voneinander abgewendet ein Buch in der Hand haben. Im Klassenzimmer herrscht eine absolute Stille, in der nur das Rascheln umgeschlagener Seiten zu hören ist. Physiotherapeuten gelingt es kaum noch die Masse an Jugendlichen zu behandeln, deren Rücken unter der täglichen Last von Rucksäcken voller Bücher ganz krumm werden. Ihre Taschen bersten, da sie das Futter für ihren unstillbaren Lesehunger nicht mehr halten können. Massen an Social Media-Unternehmen gehen pleite, denn niemand interessiert sich noch für das ausufernde Geschwätz der Altersgenossen. Die Festival-Industrie benötigt staatliche Hilfen und gähnende Türsteher langweilen sich vor verlassenen Eingängen.

Lesefreude als Allheilmittel – doch es bleibt die Frage: Funktioniert das? Sollten wir alles auf eine Karte setzen? Die Realität sieht doch oft ganz anders aus. Lesen ist eine von vielen Aktivitäten, aus denen Jugendliche wählen können. Lesen konkurriert mit Gaming, dem Internet, Sport, Chillen und dem Handy, das Jugendlichen 24/7 zur Verfügung steht. All das sind Tätigkeiten, die einfacher zu konsumieren und (leider) cooler sind als Lesen. Zudem ist Lesen eine introspektive Tätigkeit, die ganz einfach nicht jedem entgegenkommt.

Darum schlage ich vor, den Optimismus rund um Lesefreude durch das womöglich langweiligere Streben nach Leseroutine zu ersetzen. Wir sollten uns mehr dafür einsetzen, dass Lesen eine feste Gewohnheit wird (bei der es egal ist, was jemand liest – alles ist gut), als auf spektakuläre Halleluja-Momente zu hoffen. Freude gilt hier als Beifang und nicht als primäre Bedingung. Zunächst müssen Volumen und Rhythmus geschaffen werden. Denn mit einem festen Rhythmus kommt die Freude von selbst dazu.

Eine solche Herangehensweise erfordert jedoch Veränderungen in der Schule. Fiktionale Texte müssen im Unterricht wieder einen festen Platz bekommen. Das gilt auch in Hauptschulen. Lehrkräfte müssen Raum bekommen, um eigene kreative Lösungen zu entwickeln, wie sie Bücher in der Klasse lesen. Dieser Raum darf nicht zu sehr mit Regeln, Tests und Prüfungen belastet sein. So etwas lässt sich nicht mit Freude vereinbaren.

Und das Wichtigste zum Schluss: Wir sollten den übermächtigen Bildschirm nicht als Feind sehen. Ganz im Gegenteil sollten wir ihn nutzen, um Bücher und Lesen wieder attraktiv zu machen. Wir müssen Anknüpfungspunkte finden. Denn vielleicht findet man so sogar den schnellsten Weg zur Freude am Lesen.