Neues Haus auf alten Fundamenten

 

Eine wichtige Frage für eine Einwanderungsgesellschaft wie die unsere lautet: Wie schnell sollen Neuankömmlinge unsere Sprache lernen? Und bedeutet das eine sofortige Verdrängung ihrer Muttersprache? Darauf gab es vor nicht allzu langer Zeit eine einfache Antwort. Neuankömmlinge sollten sich so schnell wie möglich ausschließlich auf die neue Sprache konzentrieren. Das wäre besser, würde die Integration nicht behindern. Die Muttersprache war für zu Hause, für den privaten Gebrauch. Vor der Haustür hörte sie auf zu existieren.

 

Wir denken jetzt anders. Neue Zeiten, neue Erkenntnisse. Die Erstsprache kann beim Erwerb einer zweiten sogar hilfreich sein – die neue Heimat lebt von alten Fundamenten. Pädagoginnen und Pädagogen plädieren daher dafür, die Muttersprache auch im Unterricht zuzulassen. Statt die eigene Sprache zu ignorieren, soll diese weiterverwendet werden. Bestehende Sprachstrukturen sollen nicht verloren gehen. Mehrsprachigkeit soll nicht eingedämmt, sondern gefördert werden. Ein mehrsprachiges Nest kann viele fremdsprachige Küken hervorbringen.

 

Für uns sind diese Erkenntnisse der Anlass für eine neue bilinguale Serie. Unsere einfachen Bücher sind ideal für die synchrone Übersetzung: also die gleiche Geschichte in zwei Sprachen innerhalb eines Buches. Deutsch auf der linken und die zweite, andere Sprache auf der rechten Seite. Im Mittelpunkt steht eine akkurate und präzise Übersetzung, damit jedem Satz und jedem Wort gefolgt werden kann. Zweisprachigkeit wird damit zum Ausgangspunkt und wird nicht unterdrückt.

 

Wir arbeiten gerade an den ersten Teilen der Serie. Eine polnisch-deutsche Version steht ebenso auf dem Programm wie eine türkisch- oder eine arabisch-deutsche. Und natürlich haben wir begonnen, ein ukrainisch-deutsches Buch vorzubereiten. Wir finden es wichtig, dass dem großen Flüchtlingsstrom auch kurzfristig mit Mut machenden, einfachen Büchern geholfen werden kann, die auch das Erlernen der Sprache erleichtern.

 

Wer profitiert von zweisprachigen Büchern? Das ist eine ziemlich große Gruppe. Es handelt sich nicht nur um Neuankömmlinge, sondern auch um diejenigen, die schon länger in Deutschland leben. Darüber hinaus können diese auch für die zweite oder dritte Generation nützlich sein. Für diese Menschen ist das Deutsche häufig bereits die vorherrschende Sprache; die Originalsprache droht in Vergessenheit zu geraten. Oft möchte der Nachwuchs jedoch die Sprache der Eltern oder Großeltern besser verstehen und sprechen können, um so seine Wurzeln zu bewahren – ein zweisprachiges Buch kann dabei helfen. Und natürlich gibt es auch Deutsche, die gerne eine Sprache wie Türkisch, Polnisch, Arabisch oder Ukrainisch lernen möchten.

 

Synchrones Lesen von zweisprachigen Texten – es hilft beim Erlernen einer neuen Sprache. Es geht darum, vorhandene Fundamente nicht zu zerstören, sondern zum Neuaufbau zu verwenden. Wenn das nicht nachhaltig ist …