Sommerlektüre

 

Fast unmerklich hat für viele bereits die Ferienzeit begonnen – ohne die einschränkenden Maßnahmen, die im vergangenen Sommer galten. Das Leben ähnelt verdächtig der Zeit vor 2020. Wer hätte das letztes Jahr gedacht?

Die freie Zeit lockt, und das bedeutet vermutlich, dass viele Menschen endlich wieder Zeit haben, ein Buch zu lesen: ein Buch aus dem Stapel, der sich neben dem Bett oder dem Sofa aufgetürmt hat. Berge von gekauften oder geschenkten Büchern, die im Laufe des Jahres langsam angewachsen sind und die wir jeden Tag mit einem leichten Schuldgefühl betrachten. Oft nehmen wir uns vor, den Stapel zu verkleinern und wieder mit dem Lesen zu beginnen. Selten tun wir das jedoch tatsächlich.

Erkennen Sie sich wieder? Seien wir ehrlich. Selbst uns Erwachsenen fällt das Lesen manchmal schwer. Kein Wunder: Es gibt so viele andere Dinge zu tun. Das Leben ist oft hektisch. In der Regel haben wir es eilig, und in der ständigen Hektik fehlt manchmal die Zeit oder die Muße, ein Buch zur Hand zu nehmen und zu lesen. Das Lesen wird dann zu einer Tätigkeit, die allenfalls kurz vor dem Schlafengehen oder mal eben zwischendurch stattfindet.

Oft kommen wir aber überhaupt nicht dazu, zu lesen. Sollten wir dann von unseren Kindern erwarten, dass sie dies tun? Da auch sie vielbeschäftigt sind, ist ihre Freizeit häufig durch und durch verplant. Und auch sie sind mit dem Druck und Drang vertraut, den die Bildschirmmedien auslösen können. Unsere Kinder sind vielleicht sogar noch beschäftigter als wir selbst.

Und doch ist Lesen so wichtig. Aus der Forschung wissen wir, dass junge Menschen, die in ihrer Freizeit regelmäßig zu einem Buch greifen, bei Lesetests besser abschneiden.

Das Lesen von Büchern führt zu einer deutlichen Verbesserung des Wortschatzes, der Fertigkeit des Lesens und der Rechtschreibung, und diese Verbesserung ist zumeist größer als das, was während der regulären Ausbildung erreicht wird. Das Beste daran ist: Dieser Effekt ist bei schwachen Leserinnen und Lesern am stärksten. Das wissenschaftliche Credo lautet daher: Motivieren Sie schwache Leserinnen und Leser, in ihrer Freizeit ein Buch zu lesen. Achten Sie aber darauf, dass es sich um Bücher handelt, die sie ansprechen und ihre Neugierde wecken.

Deshalb ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder ermutigen, in der Sommerzeit ein Buch in die Hand zu nehmen – auch wenn dies im Alltag manchmal zu Widerständen führt. Use it or lose it (Benutze es oder verliere es) – dies gilt für alle Fähigkeiten, insbesondere für das Lesen.

Versuchen Sie, kreativ zu sein. Lesen Sie zusammen mit Ihren Kindern. Man kann ihnen vorlesen, wenn sie klein sind, aber auch gemeinsam Bücher lesen, wenn sie älter sind. Oder verbinden Sie das Lesen mit einem Ereignis, zum Beispiel einer Sehenswürdigkeit, die Sie gemeinsam besuchen. Betrachten Sie das Lesen also nicht als reine Pflichtübung, die jeder für sich allein in einer Ecke erledigen sollte, sondern verknüpfen Sie es mit einem gemeinsamen Erlebnis –  etwa der Verbindung zu einem Ort, den Sie besuchen oder einem Film, den Sie gemeinsam anschauen.

Lassen Sie sich ermuntern, die Sommerferien zu nutzen, um nicht nur das regelmäßige Lesen, sondern auch das gemeinsame Lesen als Beschäftigung auf die Tagesordnung zu setzen. Ein Versuch ist es in jedem Fall wert!