Über die Schändung heiliger Bücher

Anne_Frank_2._AuflageSchon seit Jahren steht es weit oben auf unserer Bestsellerliste: Anne Frank, ihr Leben. Keine vereinfachte Ausgabe ihres Tagebuchs, wie viele denken, sondern die Geschichte hinter ihrem Leben, geschrieben in Einfacher Sprache, basierend auf Fragmenten aus ihrem Tagebuch. Eine tolle Komposition von unserer Autorin Marian Hoefnagel.

Obwohl das Buch einfach ist, ist es für Menschen mit einem niedrigeren Sprach – und Leseniveau manchmal doch noch (zu) schwierig. Kein Wunder: Anne Frank war zwar erst 13 Jahre alt, als sie ihr Tagebuch anfing, doch im Kern schon eine Schriftstellerin, eine sprachlich begabte 13-Jährige, deren Formulierungen denen erwachsener Autoren ebenbürtig sind. Und ihren Stil haben wir in Anne Frank, ihr Leben so weit wie möglich erhalten.

Demzufolge liegt die Latte für Kinder und Jugendliche mit Leseschwierigkeiten bei Anne Frank, ihr Leben manchmal noch zu hoch. Darum geben wir diesen Monat eine noch einfachere Version heraus, speziell für Kinder und Jugendliche; mit dem Titel Ich heiße Anne. Das Tagebuch in kurz und klar. Mit vielen Fotos, die zeigen, wie das Leben im Hinterhaus damals war.

Natürlich haben wir den Erscheinungstermin nicht einfach so gewählt. Gerade jetzt, da ein Ende des Corona-Zeitalters zu kommen scheint, erscheint uns die Zeit günstig, um gerade Kindern und Jugendlichen zu zeigen, wie es gewesen sein muss, zwei Jahre als Untergetauchte zu leben. Wie fühlt es sich an, wenn die Wände immer näher rücken, wenn man keine Freunde sehen kann und keine frische Luft atmen kann? Alles Dinge, die sich Kinder nach einem ganzen Jahr Corona gut vorstellen können.

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Nun ist die Vereinfachung von Büchern, die zur Weltliteratur gehören, von Natur aus eine heikle Angelegenheit. Das Tagebuch von Anne Frank gehört unzweifelhaft dazu. Das darf man nicht einfach so umschreiben, sagt uns ein allgemeines Gefühl. Unsere Motivation für diese Jugendversion, die übrigens in Zusammenarbeit mit der Anne Frank Stichting Amsterdam entstanden ist, ist für manche vielleicht nicht ausreichend.

 

 Darum nutze ich diese Kolumne, um über zwei Punkte zu schreiben, bei denen ich förmlich hören kann, wie unsere Kritiker sie anbringen werden. Diese Kritik kenne ich nach einem Vierteljahrhundert einfacher Bücher so langsam und will ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

Im Allgemeinen teilen sich die Kritiker in zwei Lager. Das erste Lager sind die „Stopp! Finger weg!“-Rufer. Als wachsame Fürsprecher des literarischen Denkmalschutzes achten sie darauf, dass das sorgsam gepflegte Erbe nicht beschmutzt wird. Eine Veränderung wird da schnell zur Schändung alles Heiligen, eine vereinfachte Ausgabe zu einer Besudelung. Ihre Sorge über den Niedergang unserer Kultur hat etwas Rührendes, aber auch eine hysterische Seite. So wie jeder Mensch, der sich verraten fühlt, sehen sie überall Gefahren lauern. Obwohl unsere einfachen Ausgaben bestehender Literatur nur eine Ergänzung des Angebots sind und keineswegs ein Ersatz des Originals sein wollen, sehen sie uns weiterhin als Verkünder einer Buchrevolution, nach der nur noch vereinfachte Bücher bestehen dürfen.

Das zweite Lager huldigt dem Motto Education rulesEs ignoriert, wie schwer es ist, mit Leseschwierigkeiten umzugehen und meint, dass es sich hierbei um ein Problem handelt, das nur aus der Welt geschafft werden muss. Besserer Unterricht, ein wenig mehr Disziplin und zack – kein Problem mehr da. Bei ihnen überwiegt die Wut: Warum haben es die Schulen und der Staat so weit kommen lassen? Warum haben sie so lange geschlafen? Wir betrachten einfache Bücher als effizientes Hilfsmittel, um Lesehürden zu nehmen; sie hingegen betrachten sie als Symbole eines mutlosen, resignierenden Schulsystems.

Setze ich mich nun schon im Voraus zynisch ab gegen unsere Kritiker? Nein, denn ich kann ihre Argumentation oft gut nachvollziehen – zumindest bis zu dem Punkt, an dem die Unwissenheit einsetzt.

Denn auch für mich bedeutet Literatur viel und auch ich finde, dass wir unser Erbe pflegen müssen, egal, um welche Kunstform es geht. Mehr noch – ich finde, dass dieses Erbe mehr Menschen zugänglich gemacht werden muss. Und genau deswegen habe ich diesen Verlag gegründet. Und aus diesem Grund geben wir auch dieses Buch heraus.

Auch mir bereitet Sorgen: Die PISA-Studie zeigt, dass es noch immer deutsche Jugendliche gibt, die potenziell zu gering literalisierten Erwachsenen heranwachsen. Und ich finde, dass wir daran etwas ändern müssen. Deswegen geben wir viele Bücher für Jugendliche heraus – sie sollen zunächst Spaß am Lesen erleben; dann kommt der Rest von allein.

Auch ich glaubte früher, dass Lesen eine selbstverständliche Gabe sei, ein verborgener Schatz, der in unserem Gehirn verankert liegt, ein Knopf, den wir nach der Geburt nur noch drücken müssen, woraufhin das geflügelte Pferd der Lesekompetenz losgaloppieren kann.

Doch inzwischen weiß ich es besser: Für viele Menschen ist Lesen nicht selbstverständlich. Es ist verdammt harte Arbeit. Jeden Tag aufs Neue. Und daher denke ich, dass wir ihnen ruhig ein bisschen dabei helfen dürfen. Indem wir die Stufen der literarischen Treppe vielleicht nicht ganz so hoch bauen, so dass sie vielleicht nach ein paar Jahren das Hinterhaus ihrer Leseschwierigkeiten sicher verlassen können.