Die Leere nach der abgesagten Buchmesse

Die Leere nach der abgesagten Buchmesse
Buchmessen sind die schlagenden Herzen des Buchgeschäfts. Das Gewicht einer Buchmesse ist nicht zu unterschätzen: da trifft man Fachkollegen, vereinbart neue Geschäfte, spricht über neue Entwicklungen und erfährt interessante Neuigkeiten.

Die Leipziger Buchmesse ist solch eine Messe. Schon seit Jahren ist der Spaß am Lesen Verlag vertreten. Alle Entscheidungen für dieses Jahr waren schon seit Langem getroffen, als uns am Mittwoch die Nachricht erreichte: die Leipziger Buchmesse ist abgesagt. Die Ursache ist der Virus mit dem hübschen Namen “Corona”, was denn sonst?!

Enttäuschung, ein leeres Gefühl sogar – es ist schwer zu beschreiben wie es ist, sich als Verlag das ganze Jahr lang auf ein Event vorzubereiten, und dann ist alles auf einen Schlag vorbei. Wie ein geplatzter Luftballon.

Eigentlich hatten wir für alles etwas Tolles im Program. Als Höhepunkt war eine gemeinsame Buchpräsentation unserer Literaturvereinfachung der Therapie zusammen mit dem Autoren des Originals Sebastian Fitzek geplant. Und das auf dem großen Podium in der Haupthalle, organisiert von der Alfa Selbsthilfegruppe, einer unserer Partner. Selbstverständlich eine fantastische Gelegenheit, um auf dieses Buch aufmerksam zu machen.

Auch eine schöne Idee: unser geplantes Foto mit Ursula Poznanski bei der Droemer Knaur Verlagsgruppe zur Vorstellung des jüngst erschienenen Erebos in Einfacher Sprache.

Nach den Podiumsauftritten mit diesen Stars hatten wir auch am Stand der Alpha-Dekade einige wirbelnde Auftritte geplant: einen sehr kreativen Beitrag zur Erscheinung der Vereinfachung von Franz Kafkas Die Verwandlung, zudem ein Gespräch über Einfache und Leichte Sprache mit dem Erfinder der Leichten Sprache Plus, Professor Xavier Moonen.

Besonders bedauerlich ist der Verzicht auf die Präsentation unserer Neuerscheinungen Die Abenteuer von Tom Sawyer und Die Abenteuer von Huckleberry Finn. Es sind Klassiker, keine zeitgenössische Literatur, und zurzeit keine besonderen Bestseller. Warum also die Aufnahme ins Verlagsprogramm und was ist mir so wichtig an diesen Büchern? Tja, das hat zu tun mit der Geschichte, die dahinter steckt.

Letztes Jahr bin ich in Leipzig mit Martin Sell in Gespräch gekommen. Martin war früher funktionaler Analphabet, überwand aber seine Angst vor Buchstaben, veränderte sein Leben und lernte Lesen und Schreiben. Er spielt seitdem beim Bundesverband für Alphabetisierung eine wichtige aktive Rolle als Erfahrungsexperte und Botschafter. Martin erzählte mir über das schönste Buch das er je gelesen hatte: Huckleberry Finn von Mark Twain. Ich fragte ihn wieso, und er erzählte, dass er sich in der Hauptfigur erkennen konnte, dass er ständig das Gefühl hatte, die ganze Geschichte sei über ihn selbst geschrieben. Dass er das Buch immer wieder gelesen hat und dass es immer wieder so war, als ob seine eigene Geschichte ins Leben gerufen würde: ein Junge, der nirgendwo reinpasste, der immer einen Außenseiter war, der die schönsten Momente seines Lebens in der Natur erlebte, der nicht viel von der Schule hielt, dem die Kameradschaft mit seinem Freund Huckleberry am wichtigsten war. Ich fand seine Geschichte so berührend, dass ich sofort entschieden habe, diese Klassiker ins Programm aufzunehmen. Und auf der ersten Seite steht nun eine Widmung für Martin, der bewiesen hat, dass es nie zu spät ist, Lesen und Schreiben zu lernen, dass es nie zu spät ist, den eigenen Weg im Leben zu finden.

Und jetzt – diese Woche – hätte der Moment kommen sollen, an dem ich Martin das Buch überreiche. Er wäre sehr berührt und stolz gewesen – und ich sicherlich auch.

Leipzig abgesagt: extrem bedauerlich, aber nachvollziehbar. Wir dürfen es dem heimtückischen Virus mit seinem majestätischen Namen nicht zu leicht machen. Der Preis aber ist sehr hoch; große Investitionen sind für diese Messe gemacht worden, und die sind einfach weg. Und das wird in der Zukunft nicht unbemerkt bleiben: zu unzähligen Verträgen ist es nicht gekommen, und das wird man nächstes Jahr merken.

Was mir aber am stärksten leid tut ist, dass ich Martin sein Lieblingsbuch vor dem großem Publikum nicht überreichen kann – und das hätte er verdient. Und: ich werde dieses Jahr keine neue Martins kennenlernen und ihre Geschichten hören, schade!