Lesen in Zeiten von Corona

Lesen in Zeiten von Corona

...und plötzlich fühlen wir uns 100 Jahre zurückgeworfen in der Zeit. Das Land ist lahmgelegt durch eine Epidemie. Durch eine Krankheit, die wir bislang noch nicht im Griff haben. Alle warten ab, ängstlich, erstarrt, in selbstgewählter Quarantäne. Eine unwirkliche Stille in unseren Städten und der Wirtschaft. So muss es sich früher angefühlt haben, als die Pest herrschte. „Eine Krankheit zog durch das Land” – so heißt es in vielen Geschichtsbüchern, aber jetzt erleben wir das selber.

Und da sitzen wir nun, plötzlich zu Hause. Wir arbeiten zwar, aber ... zu Hause. Draußen ist es still. Keine Geräusche vom Verkehr, von Geschäften oder von Restaurants und Cafés. Kaum ein Mensch ist zu sehen.

So unwirklich es auch scheint und so unangenehm der Grund auch sein mag – es hat doch auch etwas Ruhiges an sich. Als ob jemand die Pausetaste gedrückt hat. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, doch plötzlich habe ich
Zeit, Dinge zu tun, die sonst immer in Vergessenheit geraten. Dinge, die ständig ganz unten auf meiner To-Do-Liste stehen und für die ich nie Zeit finde. In meiner Freizeit lesen zum Beispiel. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich lese ständig und überall. Die Bücherstapel neben meinem Schreibtisch und Bett sind der lebendige Beweis dafür, doch der größte Teil dieses Lesens ist der Job eines Herausgebers. Dieses Lesen ist notwendig, damit der Verlag funktionieren kann; Bücher müssen beurteilt werden und es muss eine Entscheidung getroffen werden, ob sie sich für uns eignen.

Das Lesen, das ich meine, ist das „freiwillige“ Lesen. Das Lesen, bei dem mein eigener Bücherschrank plötzlich wieder seinen Platz einfordert. Der Bücherschrank, der – ich will ehrlich sein – schon eine ganze Zeit lang vor allem eine schmückende Funktion in meinem Wohnzimmer hatte, mehr ein Prunkstück kultureller Entwicklung als ein Gebrauchsgegenstand.

Diesen Bücherschrank nehme ich plötzlich wieder wahr und er mich. Ich ziehe Bücher heraus, deren Rücken mich lange unbewegt angesehen haben. wie ein schweigendes, bewegungsloses Publikum. Sie waren da, aber ich registrierte sie nicht. Ich wiege die Titel in meiner Hand hin und her. Es liegt eine dünne Staubschicht drauf, das Papier ist hier und da vergilbt, wie die Farbe von alten Familienfotos; vergessene Lieblinge, Bücher von Autoren, die in vergangenen Lebensphasen eine große Rolle für mich gespielt haben und die ich fast täglich las. Ich verirre mich in meinen Lieblingspassagen, lese wieder Geschichten, die ich früher fast hätte nacherzählen können. Ich treibe hinfort in einer literarischen Dämmerwelt. Manchmal zucke ich kurz zusammen, wegen eines kleinen Alarms in meinem Kopf: Muss ich nicht etwas erledigen, etwas tun, aktiv werden ...? Nein, falscher Alarm, draußen bleibt es ruhig, es gibt nichts, was ich tun müsste oder worum ich mich kümmern sollte – alle Zeit der Welt zum Weiterlesen.

Hoffentlich ergeht es Ihnen ähnlich. Ich hoffe, dass Sie diese Zeit nicht nur als nervig und langweilig erleben, sondern dass Sie auch ihre Vorteile erkennen: die fast schon meditative Ruhe, die uns plötzlich umgibt. Und vielleicht entdecken Sie Ihren Bücherschrank auch wieder, dieses vergessene Möbelstück, und finden auch die Zeit für so ein langsames Schlendern vorbei an früheren Favoriten.

Und natürlich beschäftige ich – beschäftigen wir beim Spaß am Lesen Verlag – nicht nur mit unserem Bücherschränken. Für uns gilt wie immer: andere Zeiten, andere Herausforderungen. Der Bedarf an digitalen Texten und Hörbüchern ist in den letzten Wochen exponentiell gestiegen, haben wir gemerkt. Und darauf reagieren wir natürlich. In den nächsten Wochen werden Sie ein neues und größeres Angebot an eBooks von uns finden, damit unsere Leser auch von zu Hause aus lesen können. Außerdem arbeiten wir an der Umsetzung von Hörbüchern. Lassen Sie uns gerne wissen, was Sie in diesen anderen Zeiten brauchen!