Die umgekehrte Welt

Der Spaß am Lesen Verlag besteht inzwischen seit sieben Jahren. Sieben Jahre, in denen sich vieles verändert hat: Unser Verlag arbeitet professioneller als in den Anfangszeiten. Unser Bücher- und Zeitungsangebot hat sich stetig vergrößert. Und wir arbeiten mittlerweile mit vielen Organisationen und Partnern im Bereich Einfache Sprache zusammen.

Die wichtigste Veränderung ist jedoch, dass inzwischen niemand mehr am Nutzen und an der Notwendigkeit von Büchern und Zeitungen in Einfacher Sprache zweifelt.

Die_Geschichte_von_Betty_-_lowresDas war am Anfang ganz anders: Viele Kritiker fragten sich offen, worin der Mehrwert von Büchern in Einfacher Sprache besteht. Das ist „die umgekehrte Welt“ hörten wir oft: Analphabeten und schlecht lesende Menschen sollen die Latte doch nicht gleich so tief hängen. Vielmehr sollten sie den Anspruch haben, mit der Zeit „richtige“ Literatur lesen zu können. Man fürchtete Leser „zweiter Klasse“. Der Anspruch war deshalb, auch schwache Leser gleich an echte Literatur, an echte Zeitungen heranzuführen.

Das diese Herangehensweise nicht funktioniert – das haben auch die meisten Kritiker der Einfachen Sprache inzwischen akzeptiert. Für Menschen mit Lese- und Schreibproblemen sind herkömmliche Bücher und Zeitschriften schlichtweg nicht zu bewältigen: Dies als schwacher Leser immer wieder erfahren und erleben zu müssen, ist frustrierend und demotivierend.

Ein Rollstuhlfahrer wird auch keine Treppen laufen können, so sehr er es auch probiert. Vielen schwachen Lesern geht es genauso: Ihr Leseniveau reicht nicht aus, ein herkömmliches Buch zu schaffen. Doch das Ziel des Rollstuhlfahrers ist es auch nicht, die Treppe hoch zu laufen. Sein Ziel ist es, oben anzukommen. Das funktioniert prima mit einer Anpassung wie dem Treppenlift. Das gleiche gilt auch für Menschen mit einer Leseschwäche: Ihr Ziel ist es nicht, schwere Literatur zu schaffen. Sie wollen in den Genuss des Lesens und somit auch an Informationen kommen. Und mit Anpassungen wie Leichter oder Einfacher Sprache funktioniert auch das prima.

Wir sind froh darüber, dass dieser Gedanke langsam zum Allgemeingut wird. Und dies auch gesetzlich verankert wurde: Ab 2018 müssen alle Behörden des Bundes barrierefrei sein. Dazu gehört auch: Staatliche Einrichtungen müssen ihre Schreiben in Einfacher Sprache verfassen. Ein wichtiger erster Schritt. Wir sind gespannt auf die konkrete Ausführung dieser Auflagen. Und auch darauf, inwieweit das Recht der Leser auf Bücher in Einfacher Sprache in einem nächsten Schritt ebenfalls gesetzlich berücksichtig wird.