Sprache verbrüdert

 

Ralf_portret_2Man geht von einer der größten Herausforderungen der Nachkriegsgeschichte aus: Die Rede ist von dem enormen Flüchtlingsstrom, der momentan in Europa ankommt. Wie können wir all diesen Menschen dauerhaft ein Dach über dem Kopf bieten? Und wie integrieren wir sie in unsere Gesellschaft – und zwar so, dass den Normen und Werte beider Seiten, die der Neuankömmlinge und die der bestehenden Bevölkerung, keine Gewalt angetan werden muss.

Keine leichte Aufgabe: Von allen Beteiligten wird sowohl prinzipielle Standhaftigkeit als auch Flexibilität und Kreativität erwartet: Zwei Seiten, die nicht leicht miteinander zu vereinbaren sind.

Zur Zeit befindet sich nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa in der ersten Phase: Es geht zunächst darum, den Flüchtlingen ein Unterdach zu bieten und zu selektieren, wer tatsächlich Bleiberecht hat. Die Basisversorgung dieser gigantischen Gruppe an Menschen muss gewährleistet sein. Das ist eine Aufgabe, die alle Koordinationsenergie aufzusaugen scheint und die die spätere Integration in die Gesellschaft zunächst in den Hintergrund zu verdrängen scheint: Erst mal jedem seinen Platz zuweisen und dann sehen wir weiter.

Diese Vorgehensweise ist nachvollziehbar. Und doch geben die Übergriffe in Köln und Hamburg an, dass mit der Einbürgerung der Flüchtlinge nicht früh genug angefangen werden kann. Das Leben in einem neuen Land bedeutet nämlich sehr viel mehr als das Empfangen von „Brot, Bett und Bad.“ Die Einweisung in die kulturellen und gesellschaftlichen Normen der neuen Umgebung, wie beispielsweise die Position der Frauen, ist mindestens ebenso wichtig. Beide Prozesse sollten gleichzeitig angegangen werden, nicht zunächst der eine, dann der andere.

Im_Meer_schwimmen_Krokodile_-_cover_lowresEs klingt wie das Eintreten offener Türen, doch eine sinnvolle Einbürgerung beginnt mit dem Erlernen der Sprache. Ohne Sprachkenntnisse läuft jede Eingliederung ins Leere. Der Ruf einiger Politiker und Wissenschaftler, um in den Auffanglagern möglichst schnell und systematisch Deutschkurse anzubieten, wird von mir nachdrücklich unterstützt.

Denn: Sprache verbrüdert. Obwohl der Umfang der momentanen Flüchtlingswelle so in der Geschichte noch nicht vorgekommen ist, ist Immigration beileibe kein unbekanntes Phänomen in Europa. In den sechziger und siebziger Jahren kamen große Gruppen Südeuropäer als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Auch Länder wie die USA, Australien und Kanada haben viel Erfahrung mit Immigranten. Die Erfahrung dieser Länder weist immer wieder in dieselbe Richtung: Das Erlernen der gemeinsamen Sprache hat eine Brückenfunktion, die nicht zu unterschätzen ist.

Wir hoffen deshalb, dass der Lese- und Sprachunterricht in den Auffanglagern schnell aufgegriffen wird. Wir wollen gerne unseren Beitrag leisten: Unter anderem durch die Herausgabe spezieller Bücher und Lernmittel, die speziell auf das sehr niedrige Leseniveau der Neuankömmlinge ausgerichtet ist. Sie werden darüber in Kürze mehr erfahren!

 

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