Funktionale Analphabeten: Öfter arbeitslos, öft...

Funktionale Analphabeten: Öfter arbeitslos, öfter krank, geringeres Einkommen

 

Vor einem Monat, am 1. April 2017, fiel der Startschuss für den zweiten Teil der inzwischen weit verbreiteten LEO-Studie aus dem Jahr 2011, die für so viel Aufruhr in Deutschland gesorgt hatte. Viele Leser werden sich an diese Studie gut erinnern: Durch sie wurde endlich bekannt, wie viele Menschen tatsächlich auch in Deutschland mit Lese- und Schreibproblemen zu kämpfen haben. Mit den harten Zahlen hatte die Bagatellisierung des Problems endlich ein Ende: Auch Deutschland musste sich, wie alle anderen westeuropäischen Ländern auch, der Tatsache stellen, dass sehr viel mehr Menschen als bisher angenommen nicht richtig lesen und schreiben können.

Gut zu wissen, dass diese wichtige Studie nun fortgesetzt wird: In Form der sogenannten LEO-Grundbildungsstudie. Sie geht laut Angaben des deutschen Bildungsministeriums über das bisherige Forschungsniveau hinaus. In der neuen Studie soll nicht nur die Lese- und Schreibkompetenz von Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren analysiert werden. Die Studie hinterfragt auch das Alltagshandeln von Erwachsenen in Bezug auf Lesen und Schreiben: Wie gehen funktionale Analphabeten in ihrem Alltag mit ihrer Lese- und Schreibschwäche um?

Die neue LEO-Grundbildungsstudie soll 2019 abgeschlossen werden. Wir sind schon jetzt gespannt auf die Ergebnisse und vor allem auf die Maßnahmen, die sich daran anschließen werden. Denn eines wissen wir schon jetzt: Funktionaler Analphabetismus ist ein hartnäckiges Problem. Es erfordert sehr viel Ausdauer und Einsatz, um effektiv dafür zu sorgen, die große Zahl der Menschen mit Lese- und Schreibproblemen zu verringern.

Darum ist es schon jetzt zu bedauern, dass die neue Studie im Unklaren lässt, wieviel Geld die Regierung für die Bekämpfung des funktionalen Analphabetismus zur Verfügung stellen wird. Und auch, wieviel Geld funktionale Analphabeten den Staat jährlich kosten! Eine vertane Chance, denn Probleme werden oftmals erst wirklich ernst genommen, wenn sie in harten Euros ausgedrückt werden. Funktionaler Analphabetismus wird von der Politik scheinbar noch immer als ein Problem betrachtet, das nur eine Handvoll Leute betrifft – und nicht als die der eigentliche Kern der großen Kluft zwischen arm und reich in Deutschland. Solange diese immense Tragweite des Problems nicht erkannt wird, fehlt auch die Dringlichkeit, funktionalem Analphabetismus mit aller Macht und mit großem finanziellen Einsatz ein Ende zu bereiten.

Im Nachbarland den Niederlanden wurde der Kostenfaktor des funktionalen Analphabetismus wohl untersucht. PricewaterhouseCoopers veröffentlichte am 4. April 2017 eine Studie hierzu: Diese bringt ans Tageslicht, dass der funktionale Analphabetismus die Niederlande jährlich rund 1 Milliarde Euro kostet: Höhere Gesundheitskosten, Beistandsregelungen für Analphabeten ohne Arbeitsplatz, geringer Produktivität der arbeitenden Analphabeten und somit geringere Steuereinnahmen. Wer bezahlt diese Rechnung? Die Regierung, der Steuerzahler, die Arbeitgeber, Krankenversicherungen und vor allem die funktionalen Analphabeten selbst.

Die Studie in den Niederlanden macht deutlich: Funktionale Analphabeten sind öfter arbeitslos und müssen dadurch schneller eine Beistandsregelung in Anspruch nehmen. Haben sie eine Arbeitsstelle, so ist ihr Einkommen und ihre Leistungsfähigkeit oftmals viel geringer, als die der lesenden und schreibenden Kollegen.

 

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