Der Untergang der deutschen Sprache

Der Untergang der deutschen Sprache

 

Im nächsten Jahr besteht unser Spaß am Lesen Verlag zehn Jahre. Ein festlicher Moment und eine gute Gelegenheit, um einmal die Etappen des vergangenen Jahrzehnts zu reflektieren. In aller Ausführlichkeit werde ich das erst in einem halben Jahr tun. Doch einen Aspekt möchte ich schon heute besprechen, denn er ist in all den Jahren unverändert geblieben. Ich spreche von den Vorurteilen, die viele Menschen mit den Begriffen Leichte und Einfache Sprache verbinden und die in beinah jedem Interview und jeder Podiumsdiskussion wieder zurückkommen.

Eines der hartnäckigsten Vorurteile ist die Vorstellung, dass Befürworter der Leichten und der Einfachen Sprache darauf aus sind, der deutschen Sprache Gewalt an zu tun, sie zu beschneiden. Worauf diese Angst basiert ist, ist mir nach wie vor nicht ganz klar. Ich will dennoch versuchen, die immer wieder genannten Befürchtungen zusammenzufassen: Anscheinend gehen die Gegner der Leichten und Einfachen Sprachen davon aus, dass es unser Streben ist, die Vereinfachung zu einer Art Standardnorm zu erheben und somit das deutsche Sprachgut drastisch zu reduzieren. Als ob es nur „entweder / oder“ gäbe.  Entweder die deutsche Sprache mit ihrer über Jahrhunderte gewachsenen Grammatik und Wortvielfalt. Oder die Reduktion dieser deutschen Sprache auf einfache Worte und Sätze.

Wir plädieren jedoch schon seit zehn Jahren für „sowohl / als auch“. Wir fördern sowohl Bücher, die so einfach geschrieben sind, dass auch Menschen mit Leseschwierigkeiten diese Bücher lesen können. Daneben sollen selbstverständlich als auch Bücher in normaler Sprache weiterhin publiziert werden. Nur durch den Reichtum unserer Sprache können wir als Verlag immer wieder aus dem Vollen schöpfen und die Prunkstücke der deutschen Literatur durch die Bearbeitung in Einfacher Sprache Menschen mit Leseschwierigkeiten zugänglich machen.

Ich möchte die fehlende Logik des hartnäckigen Vorurteils gegen Bücher in Leicher und Einfacher Sprache noch einmal durch einen simplen Vergleich illustrieren. Bei Menschen mit einer körperlichen Behinderung ist es ganz selbstverständlich, dass sie zum Beispiel einen Rollstuhl nutzen, um sich fortzubewegen. Niemand zweifelt auch nur eine Sekunde an der Notwendigkeit dieses Hilfsmittels. Und niemand würde Rollstuhlfahrern unterstellen, dass sie Autos und Fahrräder verdammen und den Rollstuhl zum einzigen Fortbewegungsmittel für jeden ernennen wollen.

Durch die Absurdität dieses Beispiels möchte ich Ihnen vor Augen führen, dass die Argumente der Gegner der Leichen und Einfachen Sprache jeder Grundlage entbehren. Unser Verlag will die deutsche Sprache nicht torpedieren – im Gegenteil: Wir lieben die deutsche Literatur und möchten, dass diese Liebe von so vielen Menschen wie möglich geteilt werden kann. Deshalb bieten wir Menschen mit Leseschwierigkeiten ein Hilfsmittel an, eine paar Extrastufen am unteren Ende der Lesetreppe. Die deutsche Sprache und Literatur wird somit nicht beschnitten, sondern sie wird durch diese Extrastufen für viele Menschen überhaupt erst zugänglich gemacht.

 

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