Papier ist geduldig

Papier ist geduldig

Papier ist geduldig
oder
Die Interpretierbarkeit von Zahlen

Vermutlich haben Sie es schon in den Nachrichten gesehen: In Berlin wurde die LEO-Grundbildungsstudie 2018 präsentiert. Ein wichtiges Ereignis, denn es wurde zum zweiten Mal gemessen, wie es um die Literalität in Deutschland steht.

Die erste LEO-Grundbildungsstudie wurde 2011 veröffentlicht und ließ einen Ruck durch Deutschland gehen. Erstmals stand Schwarz auf Weiß, dass es auch in Deutschland eine große Bevölkerungsgruppe gibt, der das Lesen und Schreiben schwerfällt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte man das ziemlich gut unter den Teppich gekehrt. Außerdem war das Thema tabubehaftet.

Nach der Veröffentlichung dieser ersten Studie von der Hamburger Forscherin Anke Grotlüschen war das nicht mehr möglich. Plötzlich war klar geworden, dass es in Deutschland 7,5 Millionen Menschen gab, die nicht ausreichend lesen und schreiben konnten. Diese Zahl sorgte nicht nur für Aufregung; auch die Behörden reagierten sofort.

Man beschloss voller Elan die Einführung der AlphaDekade, in deren Rahmen verschiedene Maßnahmen dafür sorgen sollten, dass der Alphabetisierungsgrad stieg und funktionaler Analphabetismus effektiv bekämpft wurde.

Die Präsentation in Berlin vergangene Woche wurde daher mit umso mehr Spannung erwartet. Erfreulich ist in jedem Fall, dass in der neuen Studie der Begriff „funktionale Analphabeten“ nicht mehr verwendet wird. Stattdessen spricht man nun von „gering literalisierten Erwachsenen“. ein sinnvoller Schritt, denn der Begriff „funktionale Analphabeten“ sorgte – vor allem beim breiten Publikum und in der Presse – fortlaufend für fragende Gesichter. Zählte Deutschland wirklich mehr als sieben Millionen Analphabeten? Menschen, die keinen einzigen Buchstaben lesen konnten? Das sorgte für großen Unglauben; zurecht, denn ein funktionaler Analphabet ist etwas ganz Anderes als ein Analphabet … Der heute verwendete Begriff „wenig literalisiert“ ist korrekt und zutreffender für die Situation vieler Menschen (die zwar lesen können, aber zu wenig, um an der heutigen Gesellschaft mit ihren hohen Anforderungen an die Sprachkompetenz teilhaben zu können). Auch wenn dieser Begriff wahrscheinlich zu neuen Fragezeichen führen wird, ist diese Definition nun weniger diskriminierend.

Doch wer den Bericht weiterliest, wird sich einige Fragen stellen. Die Zahl von 6,2 Millionen „gering literalisierten Erwachsenen“ wirkt schief. Denn es wurden gar nicht alle mitgezählt. In der zweiten Studie wurden, wie übrigens bereits in der ersten Studie 2010, nur Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren befragt – also keine Rentner und auch keine Jugendlichen. Das ist schade, denn wir wissen aus anderen Studien, dass vor allem ältere Menschen häufiger Lese- und Schreibschwierigkeiten haben. Warum wurden sie also nicht im Rahmen dieser Studie befragt?

Zudem wurden – auch hier gilt: erneut! – nur Menschen befragt, die die deutsche Sprache mündlich gut genug beherrschen, um der Befragung und dem Kompetenztest folgen zu können. Ausgeschlossen wurden somit z. B. Immigranten, die noch kein alltagstaugliches Deutsch sprechen und sich dennoch tagtäglich in der deutschen Gesellschaft zurechtfinden müssen. Ebenfalls nicht an der Studie teilnehmen konnten auch Menschen aus einer älteren Migrantengeneration, deren Deutschkenntnisse nicht ausreichend waren, die jedoch bereits seit Jahren Teil unserer Gesellschaft sind.

Von den Medien besonders hervorgehoben wurde in der vergangenen Woche das so positive Ergebnis der zweiten LEO-Studie: Die Zahl der Menschen mit Lese- und Schreibschwierigkeiten, so war zu lesen, sei in den acht Jahren zwischen den Studien deutlich zurückgegangen. Waren es im Jahr 2011 noch 7,5 Millionen, gab es 2018 nur noch 6,2 Millionen, so die Studie. Das wäre ein Rückgang um mehr als eine Million und damit eine sehr positive Nachricht. Zumindest auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick jedoch ist diese Interpretation der Studie eher … nun, nennen wir es mal ein vereinfachter und vereinfachender Vergleich von zwei Ziffern. Denn realistisch erscheint eine so rasche Lösung eines so zähen Problems nicht. Jährlich gibt es 20.000 Plätze für Grundbildung an den Volkshochschulen. In ganz Deutschland.  In welchem Verhältnis steht denn die Zahl der Plätze zu der angeblich spektakulären Entwicklung zwischen den Studien?

Es ist schade, dass der Fokus der Medien gerade auf diesem schiefen Bild liegt. Es scheint, als wenn die Diskussion sich vor allem auf den Aufbau der Studie richtet und weniger auf die Problematik und deren Hintergründe. Zahlen, die schon in Stein gemeißelt sein müssten, um die dauerhafte Bedeutung dieser Problematik zu unterstreichen, werden bald womöglich angefochten werden. Es steht zu befürchten, dass dies Wasser auf den Mühlen derjenigen ist, die die ganze Problematik für erfunden halten und behaupten, dass die AlphaDekade rausgeworfenes Geld sei. Und von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zurück, bis wir wieder da sind, von wo aus wir einst gestartet sind.