02.09.26
Nach zehn Jahren „AlphaDekade“ fängt die Arbeit erst an
In drei Monaten, genauer gesagt am 1. Dezember, findet in Berlin die Abschlusskonferenz der Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung statt. Was die Dekade ist, muss ich Ihnen nicht erklären. Zehn Jahre lang haben Bund, Länder, Wissenschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam an einem gezielten Ansatz für den Kampf gegen die geringe Lese- und Schreibkompetenz in Deutschland gearbeitet. Diese Ära neigt sich nun dem Ende zu.
Die Konferenz markiert nicht nur das Ende der AlphaDekade, sondern ist auch ein Anlass, zurückzublicken, was diese zehnjährige Anstrengung nun gebracht hat, und anschließend nach vorne zu schauen, wo noch unerschlossenes Terrain liegt. Denn obwohl dem Analphabetismus mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist das Problem noch lange nicht gelöst.
Neue Zahlen der Universität Hamburg und von GESIS (dem Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, einem unabhängigen wissenschaftlichen Institut, das vom Bund und den Ländern finanziert wird) zeigen, dass Deutschland noch lange nicht am Ziel ist. Aus ihrer gemeinsamen Analyse geht hervor, dass etwa 20 Prozent der 16- bis 65-Jährigen über geringe Lesekompetenzen verfügen: rund 10,6 Millionen Menschen. Im Jahr 2012 waren es noch 18 Prozent. Von den Fortschritten, die die früheren LEO-Studien bis 2018 zeigten, ist in diesen Zahlen also nichts mehr zu erkennen.
Lange Zeit wurde Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz das Bild eines Außenseiters zugeschrieben: arbeitslos, abhängig, sozial isoliert und kaum in der Lage, Formulare, Briefe oder Zeitungen selbstständig zu lesen. Die neue Studie der Universität Hamburg macht deutlich, dass dieses Bild nicht mehr zutrifft. Die meisten Betroffenen nehmen vielmehr aktiv am gesellschaftlichen Leben teil, gehen einer Arbeit nach, kümmern sich um ihre Familie und organisieren ihren Alltag. Etwa 60 Prozent von ihnen haben eine reguläre Arbeit, oft in praktischen Berufen wie Produktion, Logistik, Bauwesen, Reinigungsgewerbe, Gastronomie und Pflege. Ihr Problem ist nicht, dass sie überhaupt nicht lesen oder schreiben können, sondern vor allem, dass sie Schwierigkeiten mit komplexen Texten haben.
Das ist mehr als nur eine Nuance. Es bedeutet einen Paradigmenwechsel. Es bedeutet, dass wir geringe Lese- und Schreibkompetenz nicht mehr nur als individuelles Defizit betrachten, das durch zusätzliche Schulung behoben werden muss, sondern dass wir auch die kontextuellen Aspekte davon erkannt haben. Es ist auch eine Folge der Art und Weise, wie beispielsweise Behörden und Organisationen mit ihren Bürger:innen kommunizieren. Wer mit einer gewissen Lese- und Schreibschwäche zu kämpfen hat, im Alltag aber gut zurechtkommt, kann allerdings an einem langen Behördenbrief, einem digitalen Antragsformular oder einer mit Fachjargon gespickten Sicherheitsanweisung scheitern. Dann ist die Lese- und Schreibschwäche relativ und vor allem vermeidbar.
Wir haben die geringe Lese- und Schreibkompetenz viel zu lange als ein Versagen der Leser:innen betrachtet. Wenn zwanzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung Schwierigkeiten mit Texten von Behörden und anderen wichtigen Organisationen haben, können wir nicht länger die gesamte Verantwortung auf die Bürger:innen abwälzen. Millionen von Menschen arbeiten, zahlen Steuern und gestalten ihr Leben selbstständig, während sie täglich mit unnötig komplizierten Texten konfrontiert werden. Dann liegt das Problem nicht nur bei den Leser:innen, sondern auch bei den Verfasser:innen.
Deshalb ist diese Studie so wichtig. Sie zeigt zum ersten Mal wirklich, dass geringe Lese- und Schreibkompetenz kein absolutes Problem ist. Eine komplexe Gesellschaft, die entsprechend komplex kommuniziert, schafft in gewisser Weise ihre eigenen Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz. Zwar verfügen immer mehr Bürger:innen über eine höhere Bildung, doch das gilt nach wie vor nicht für alle. Es wird Zeit, dass wir dies in unserer Kommunikation berücksichtigen.
Die wichtigste Frage am 1. Dezember lautet, wie das gewonnene Wissen und die aufgebauten Netzwerke erhalten bleiben. Doch das ist nicht die einzige Frage. Eine Abschlusskonferenz hat nur dann Bedeutung, wenn sie den Beginn einer nächsten Phase bildet. Meiner Meinung nach ist das eine Phase, in der geringe Lese- und Schreibkompetenz nicht länger vor allem als individuelles Problem betrachtet wird, sondern als gemeinsame Verantwortung von Bildung, Arbeitgeber:innen, Staat und Gesellschaft.
Bild: © AlphaDekade