03.02.26
Alphabetisierung beginnt mit einem Buch - Rückblick auf die AlphaDekade
In diesem Jahr enden die jahrelangen Bemühungen der AlphaDekade, Lese- und Schreibkompetenzen in Deutschland maßgeblich zu fördern. Zehn Jahre lang stand Alphabetisierung ausdrücklich auf der politischen Agenda in Deutschland. Nicht als Randthema, sondern als Zielsetzung. Eigentlich als gemeinsame Aufgabe. Es wurde geforscht, politische Entscheidungen getroffen, Geld bereitgestellt (über 180 Millionen Euro) und Netzwerke aufgebaut. Das war keine Nebensächlichkeit, sondern eine Notwendigkeit. Deutschland hat damit anerkannt, dass eingeschränkte Lesefähigkeiten kein individuelles Versagen sind, sondern eine gesellschaftliche Realität. Strukturell, hartnäckig und weit verbreitet
Was das genaue Endergebnis ist, muss noch sorgfältig ermittelt werden. Evaluierungen laufen, Schlussfolgerungen werden abgewogen, Zahlen verglichen. Aber über eine Frage besteht inzwischen kein Zweifel: Weitere Anstrengungen sind notwendig. Das zeigt auch der vorläufige Bericht [Wie soll es nach der AlphaDekade weitergehen?], der letzte Woche veröffentlicht wurde. In einem Punkt ist er glasklar: Nach 2026 aufzuhören, wäre unklug. Die Welt wird nicht einfacher. Formulare werden nicht kürzer. Digitale Systeme werden nicht verständlicher. Wer Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben hat, muss mit massiven Einschränkungen im Alltag und Beruf rechnen.
Ein zweiter Anlauf der AlphaDekade ist daher meiner Meinung nach dringend erforderlich. Nicht, weil die AlphaDekade gescheitert ist, im Gegenteil: Die zugrunde liegenden Probleme sind nicht verschwunden und müssen weiter bekämpft werden. Wer dachte, dass zehn Jahre Politik ausreichen würden, um das Problem der geringen Lese- und Schreibkompetenz strukturell zu lösen, hat die Realität unterschätzt.
Dennoch gibt es einen kleinen Wermutstropfen in dem Bericht der AlphaDekade. Nicht in dem, was er sagt, sondern in dem, was er nicht sieht: Die AlphaDekade wird vor allem anhand von Förderprojekten am Leben gehalten. Von Programmen. Pilotinitiativen. Modellprojekten. Das ist logisch, denn diese sind messbar. Sie passen in Tabellen. So kann man Rechenschaft ablegen.
Aber dabei wird vieles übersehen.
In den letzten zehn Jahren wurde viel Zeit und Energie in die Erwachsenenbildung investiert. Dahinter steht der Gedanke, dass sich der Prozess des Lesenlernens bei Erwachsenen grundsätzlich nicht von dem bei Kindern unterscheidet. Leider entspricht das nicht der Wahrheit. Während Kinder nach dem Erlernen des Alphabets noch jahrelang zur Schule gehen, um das Geübte zu verbessern und auszuweiten, kommt es bei Erwachsenen nach dem Besuch eines Sprach-Kurses oft zum Stillstand. Der Motor wird eingebaut, aber nicht gewartet. Das Öl wird nicht nachgefüllt und verkrustet langsam. So lange, bis der Motor wieder blockiert.
Lesen (und damit das Üben des Lesens) findet nicht nur in Klassenzimmern statt. Lesen findet anderswo statt: In einer Bibliothek, am Arbeitsplatz, abends zu Hause am Küchentisch. Ohne Projektname. Ohne Förderantrag. Ohne Bewertungsrahmen. Dafür notwendig sind Bücher, die verständlich geschrieben sind. Erwachsene sollten nicht auf Kinderbücher angewiesen sein, um Lesen zu lernen. Ebenso brauchen sie keine Bücher. die als Unterrichts- oder Kursmaterial bezeichnet werden, sondern einfach zugängliche und dennoch thematisch ansprechende Bücher, die Freude am Lesen bereiten.
Solche Initiativen zur Leseförderung – wie wir sie durchführen – finden sich in der Politik kaum wieder. Als ob gesellschaftliche Wirkung erst dann zählt, wenn sie subventioniert wird. Als ob Alphabetisierung nur dann existiert, wenn sie programmatisch organisiert ist. AlphaDekade
Untersuchungen haben bereits vielfach gezeigt: Viele Erwachsene mit eingeschränkten Grundkenntnissen melden sich nie für einen Kurs an. Nicht weil sie nicht wollen. Sondern weil Scham hartnäckig ist. Weil Zeit knapp ist. Weil Schulerfahrungen Narben hinterlassen haben.
Was sie oft erreicht, sind niederschwellige Zugänge: Lesen ohne Anmeldung und ohne Test, ohne den Stempel „Benachteiligung”.
Und ja, diese Initiativen sind oft kommerziell. Aber das macht sie nicht weniger gesellschaftlich relevant. Vielleicht sogar eher mehr. Sie verschwinden nicht, wenn eine Subvention ausläuft - sie existieren einfach. Jahr für Jahr. Für alle, die sie brauchen.
Wenn Deutschland also nach 2026 weiter gegen Analphabetismus vorgehen will, muss die Debatte breiter geführt werden. Nicht nur: mehr Struktur, mehr Koordination, mehr Kontinuität. Sondern auch: mehr Anerkennung für alles, was außerhalb des Förderbereichs geschieht.
Denn Politik kann viel bewirken. Aber Lesen beginnt nie mit Politik. Es beginnt damit, dass jemand ein Buch aufschlägt und denkt: Das verstehe ich. Das macht Spaß, das möchte ich öfter tun.
Bild ©AlphaDekade