03.12.25
An Inconvenient Truth - Eine unbequeme Wahrheit
Es ist fast ein Jahr her, dass die neueste PIAAC-Studie veröffentlicht wurde. Für die Leser:innen, die sich fragen, was die PIAAC-Studie überhaupt ist: Es handelt sich um eine große internationale Erwachsenen-Bildungsstudie der OECD-Länder, die zuletzt im Jahr 2024 durchgeführt wurde. Man kann diese Studie als „Erwachsenen-Variante“ der PISA-Studie betrachten: Sie untersucht in der Altersgruppe der 16- bis 65-Jährigen Kompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen und im Umgang mit digitalen Medien. Für die Länder in Westeuropa bietet die Studie ein Abbild der Gesellschaft: Wie hoch ist der Anteil der Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz, wie gut sind Erwachsene bereits auf eine digitale Arbeitswelt vorbereitet?
Die ersten Schlagzeilen der Medien waren vorhersehbar: „Die Kompetenz der Erwachsene in Deutschland liegt über dem internationalen Durchschnitt.“ Wer sich jedoch die Ergebnisse genauer ansieht, stellt fest, dass die Lage nicht so positiv ist, wie es die Schlagzeilen vermuten lassen.
Die Ungleichheit zwischen den Fähigkeiten von verschiedenen Gruppen bleibt nämlich enorm. Während hochqualifizierte Personen ihre Position innerhalb weiter festigen können, kommen viele Menschen mit geringen Fähigkeiten kaum voran. Mehr als zehn Millionen Deutsche beherrschen das Lesen und Schreiben auf einem Niveau, das nicht ausreichen würde, um in einer digitalen Gesellschaft selbstständig zu leben und zu arbeiten. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren kaum verändert. Die Forscher:innen bezeichnen diesen Zustand als „stabil”. Aber Stabilität ist hier eher ein anderer Begriff für Stillstand.
Auch die soziale Ungleichheit fällt auf: In Deutschland sagt die Herkunft nach wie vor viel darüber aus, wie man in der Studie abschneidet. Migrationshintergrund, Bildungsniveau der Eltern und die sozioökonomische Position prägen die Ergebnisse viel stärker, als es in vielen anderen Ländern der Fall ist. Damit ist PIAAC ein Spiegel der Gesellschaft, der nicht nur etwas über Fähigkeiten aussagt, sondern auch über Chancen und Hindernisse.
In der Politik wird seit Jahren eine stärkere Förderung der Erwachsenenbildung gefordert. Die Teilnahme an diesen Angeboten bleibt jedoch gering – gerade in den Gruppen, die am meisten davon profitieren würden. Neue Untersuchungen aus diesem Jahr zeigen jedoch, dass das Problem nicht im Angebot selbst liegt, sondern darin, Teilnehmer:innen damit zu erreichen und zu motivieren. Die Hindernisse sind sozialer, kultureller und manchmal auch finanzieller Natur und bestehen trotz politischer Maßnahmen weiter.
PIAAC 2025 offenbart also zwei verschiedene Facetten. Auf dem Papier schneidet Deutschland zwar gut ab. In der Praxis bleibt jedoch ein großer Teil der Bevölkerung zurück und die Kluft zwischen Menschen mit hohen und niedrigen Qualifikationen wächst. Die Diskussion sollte sich daher nicht um die Durchschnittswerte drehen, sondern um die Frage, ob zehn Millionen Menschen der Gruppe gering qualifizierter Erwachsener in den kommenden Jahren tatsächlich mit Maßnahmen in der Erwachsenenbildung erreicht und gefördert werden können.
Denn erst wenn diese Gruppe Fortschritte macht, können wir von einem tatsächlichen Fortschritt in ganz Deutschland sprechen.
Bild © PIAAC-Studie 2023