02.06.25

Kolumne Juni Bild

Bildung, die mit der Zeit gehen muss

Die Dame schlenderte ein paar Mal an unserem Messe-Stand vorbei. Vorsichtig hielt sie dabei immer etwas Abstand und wollte offensichtlich nicht von uns bemerkt oder gar angesprochen werden. Ihr Gesichtsausdruck war ein wenig verkniffen, ein Zeichen der Ablehnung. Ich vermutete, dass sie eine Lehrerin sei, vielleicht auch eine besonders ambitionierte Mutter. Wir waren da auf der Didacta in Stuttgart: Europas größte Bildungsmesse, die auch in diesem Jahr wieder mehr als 60.000 Besucher und Besucherinnen anzog, darunter vor allem viele Lehrkräfte. Aber auch Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Lern- und Leseschwierigkeiten besuchten die Messe.

Die Mehrheit der Lehrkräfte, die unseren Stand besuchen, sind oftmals schon begeistert. Sie kennen unseren Verlag und möchten uns ihre Zufriedenheit mit unseren Büchern – und deren Nutzen – mitteilen. Wenn sie uns noch nicht kennen, ist die erste Reaktion immer freudige Überraschung. „Bücher in Einfacher Sprache! Ich wusste gar nicht, dass es einen Verlag gibt, der sich darauf spezialisiert hat. Genau das brauchen unsere Schüler. Gut, dass ich Ihren Verlag entdeckt habe!“

Aber diese Dame war anders. Sie war etwas älter. Und sie hatte etwas auf dem Herzen. Schließlich kam sie näher. „Möchten Sie einen Katalog mitnehmen?“, fragte ich und wollte ihr ein Exemplar geben. Doch sie ignorierte meine Geste, schlenderte schweigend und mit prüfendem Blick an unseren Büchern vorbei, nahm schließlich ein Buch in die Hand und blätterte darin. Erst dann sah sie mich an. „Nein“, sagte sie entschieden, „einen Katalog brauche ich nicht. Ihre Bücher sind für meine Schüler nicht geeignet, die sind viel zu einfach. So lernen die Kinder nie etwas.“

Ihr Mund war zu einer dünnen Linie verzogen, so als hätte ich sie mit meinem Katalog geradezu beleidigt. Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen. „Nun, das ist ja praktisch für Sie“, sagte ich diplomatisch. „Dann sind Sie an unserem Stand schnell fertig.“ Mit einer ausladenden Geste deutete ich auf die all die umliegenden Stände meiner Kolleg:innen: „Zum Glück gibt es in dieser Halle viele andere Verlage, die schwierigere Bücher haben.“

Sie ignorierte meinen Hinweis und blätterte weiter in unseren Büchern, offensichtlich mit dem Bedürfnis, noch einen draufzusetzen. „Nein“, sagte sie, „mit so etwas fange ich wirklich nicht an.“ Sie sah mich nun fast angewidert an. „Dann können wir ja gleich einpacken.“

Überrascht, aber auch interessiert am Grund für ihre offensichtlich ablehnende Haltung, wandte ich mich wieder an sie. Ich wusste zwar, dass ich mich nicht auf eine Diskussion mit ihr einlassen sollte, war aber etwas gereizt. „Viele Schulen sehen das anders“, bemerkte ich also. „Wirklich?“, fragte sie scharf. „Welche Schulen denn?“ „Nun, Förderschulen zum Beispiel“, sagte ich.

Sie schnaubte. „Ich arbeite auch an so einer Schule, aber damit werde ich meine Schüler wirklich nicht belästigen. Dafür können sie zu viel.“ Sie warf einen kopfschüttelnden Blick auf den Einband von einem unserer Bestseller.

„Das müssen dann wohl hochbegabte Förderschüler sein.“ Ich versuchte, mit einem Scherz die Wogen zu glätten, denn eine Eskalation schien bevorzustehen. Ihre laute Stimme zog auch die Aufmerksamkeit von anderen Besucherinnen und Besuchern auf sich. Jemand schaute schon verwundert herüber.

Sie schüttelte den Kopf, ohne sich für meine humorvolle Aussage oder vielleicht auch für Humor im Allgemeinen zu interessieren. Mit einer tiefen Falte auf der Stirn blätterte sie noch durch ein paar weitere Bücher, schaute mich dabei an, als wäre ich der leibhaftige Teufel, und ging dann seufzend davon.

 

An die Reaktion dieser Lehrerin auf unsere Bücher musste ich denken, als ich kürzlich die Ergebnisse einer schwedischen Studie über die Wirkung von einfachen Büchern auf das Leseniveau überflog. In dieser Studie ging es speziell um das Lernen einer neuen Sprache. Untersucht wurde eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern in Schweden, die Deutsch lernen wollten. Hat das Lesen von Jugendliteratur in vereinfachter Form dabei einen positiven Effekt auf die Lesekompetenz? Gelingt es so vielleicht, die Schülerinnen und Schüler mindestens auf das Leseniveau A2 zu bringen? Für diese Studie wurde ein Titel aus unserem Verlagsprogramm verwendet. Und zufällig war dieses Buch genau der Bestseller, den die Lehrerin auf der Didacta mit so viel Verachtung betrachtet hatte.

Das Ergebnis der schwedischen Studie: Fast zwei Drittel der Schüler haben die A2-Prüfung bestanden, 90 Prozent dieser Gruppe schafften sogar die nächste Prüfung. Es war also zu erkennen, dass alle Schüler ihre Lesekompetenz deutlich verbessert hatten: Im Durchschnitt um fast ein Viertel. Nur ein Schüler erzielte ein schlechteres Ergebnis.

Eine andere Studie wurde an einem deutschen Gymnasium durchgeführt. Untersucht wurde, wie man Schüler:innen dazu motivieren kann, öfter zu lesen – vor allem die, die ohnehin ungerne lesen und in Deutsch eher schlechte Noten haben. Auch diese Studie wurde mit einem unserer Titel durchgeführt. Der positive Effekt von einfachen Büchern war deutlich: Das Buch in Einfacher Sprache half dabei, die Lesemotivation der Schüler:innen zu steigern.

Einfache Bücher im Lese- und Sprachunterricht einzusetzen ist also sinnvoll. Nahezu alle Schülerinnen und Schüler erzielen so bessere Ergebnisse. Wichtig dabei: Diesen Effekt bestätigen nicht nur die Lehrkräfte, sondern auch die Schüler:innen selbst.

 

Trotz der vielen wissenschaftlicher Studien hält sich die Skepsis bei manchen noch hartnäckig. Selbst unter den Lehrkräften, besonders bei älteren Generationen. Diese Skepsis basiert auf der Vorstellung, dass Bildung strenge Grenzen braucht und schon jeder kleinste Verstoß den Beginn des Niedergangs bedeutet. Veränderungen – und dazu gehört auch der Einsatz von einfachen Büchern im Unterricht – müssten also eine Ausnahme bleiben. Ich verstehe zwar die gute Absicht hinter diesem Prinzip, aber trotzdem: So bleibt es ein verlorener Kampf. Denn das Prinzip ignoriert den entscheidenden Einfluss von gesellschaftlichen Entwicklungen: Migration und die intensive Nutzung von Handys haben zum Beispiel einen großen Einfluss auf den heutigen Bildungsstand. Wie schlimm man das auch finden mag, es gibt kein Zurück mehr. Unser Bildungssystem kann nur mit der Zeit gehen. Alles andere wäre bloß Murren und Jammern.

Es ist eine kulturbedingte Skepsis, die sich hartnäckig hält und sich nur schwer auflösen lässt. Ein besseres Angebot an wissenschaftlichen Studien zu Einfacher Sprache könnte vielleicht helfen. Ich vermute, dass man so auch die misstrauische Lehrerin auf der Didacta überzeugen könnte.

 

Aber vielleicht war es auch nur ein Zufall. Ich denke an den einen einzigen Schüler aus der schwedischen Studie, der im Vergleich zu all seinen Mitschüler:innen gerade durch das einfache Buch schlechter abschnitt. Und wer weiß, vielleicht hatte diese Lehrerin eine ganze Klasse von solchen Schüler:innen. Ausnahmen bestätigen ja die Regel.


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