06.05.26

Smartphone

Das Smartphone hat uns nicht dumm gemacht – sondern auf andere Weise schlau

Nächstes Jahr feiert es sein zwanzigjähriges Jubiläum. Das iPhone. Das erste echte Smartphone…

2007 stellte Steve Jobs, der ikonische damalige Chef von Apple, das erste iPhone vor, und das war der Startschuss für die rasante Entwicklung dieses besonderen Geräts, das innerhalb weniger Jahre die Welt eroberte. Mittlerweile besitzen wir alle ein Smartphone und es ist zu einem festen Bestandteil unseres Lebens geworden. Die Zahl der Menschen, die kein Smartphone besitzen, lässt sich heutzutage an einer Hand abzählen.

Ich kann mich noch gut an diese Präsentation von damals erinnern – an den lässig über die Bühne schlendernden und begeistert redenden Jobs. Und auch ich war begeistert: Was für ein Fortschritt! Wer hätte damals ahnen können, dass dieses Smartphone – mittlerweile verwenden wir das Wort gar nicht mehr – in weniger als zehn Jahren unsere Denkweise grundlegend verändern würde. Nicht, weil es uns etwas Neues beibrachte, sondern weil es uns dazu brachte, etwas anderes zu tun. 

Das Smartphone hat uns nämlich dazu gebracht, weniger zu lesen. Oder besser gesagt: Es hat uns gelehrt, vor allem anders zu lesen. Der lange, lineare Text von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften wich dem „Lesen am Bildschirm“. Dem kompakteren und kleineren Lesen. Fragmenten statt Geschichten. Geschwindigkeit statt Tiefe. Während uns Bücher früher lehrten, unsere Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, lehrt uns das moderne Smartphone, sie ständig zu verlagern. Und das scheint mit einem ganz anderen Phänomen zusammenzufallen. Einem, dem in der Presse im Allgemeinen weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Um das Jahr 2000 herum kam etwas zum Stillstand, das fast wie ein Naturgesetz wirkte. Jahrzehntelang stiegen unsere menschlichen IQ-Werte stetig an – der sogenannte Flynn-Effekt, benannt nach dem Neuseeländer James R. Flynn. Er entdeckte, dass Generation um Generation besser im abstrakten Denken, logischen Schlussfolgern und Mustererkennen wurde. Die Kurve stieg systematisch an, ohne Ausnahme. Seit Beginn dieses Jahrhunderts flacht der Anstieg jedoch ab. In einigen Ländern in Amerika und Europa kehrt er sich sogar in einen leichten Rückgang um. Es ist kein totaler Einbruch und es sind keine dramatischen Zahlen, aber es ist ein deutlicher Trendbruch nach einem Jahrhundert des Fortschritts.

Was erklärt diesen Bruch? Die Menschen sind nicht plötzlich weniger intelligent, aber es ist so, dass sich Intelligenz an die Umgebung anpasst. Wer in einer Welt voller Reize und kurzer Impulse aufwächst, lernt mit diesen umzugehen. Schnell umschalten, visuell verarbeiten, mehrere Dinge gleichzeitig tun – das sind Fähigkeiten, die heutzutage mindestens genauso wertvoll erscheinen wie die Fähigkeit, einem komplexen Text von Anfang bis Ende zu folgen.

Dafür zahlen wir allerdings einen Preis. Untersuchungen von Psychologen wie der US-amerikanischen Forscherin Jean Twenge zeigen, dass die Zunahme der Bildschirmzeit mit Veränderungen der Konzentrationsfähigkeit und der kognitiven Leistungsfähigkeit einhergeht. Ihre zum Teil auch kritisierte Forschung liefert zwar keinen schlüssigen Beweis für Ursache und Wirkung, doch die Tendenz lässt sich kaum leugnen. Zusammengefasst: Weniger Lesen führt zu weniger Training im tiefgründigen Denken. Und weniger tiefgründiges Denken spiegelt sich darin wider, wie Menschen Informationen verarbeiten.

Das Bittere daran ist, dass dies genau das Spiegelbild des Flynn-Effekts ist. Während wir in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts besser wurden in dem, was die Gesellschaft damals von uns verlangte wie abstraktes Denken, Analysieren, Zusammenhänge herstellen, werden wir heute besser in etwas anderem: schnell reagieren, filtern, umschalten. Logisch, eine Gesellschaft, die auf Geschwindigkeit und Fragmentierung setzt, bringt Menschen hervor, die darin brillieren. Aber Verständnis – echtes Verständnis – erfordert Zeit, Konzentration und die Bereitschaft, länger bei etwas zu verweilen.

Vielleicht ist das ja die eigentliche Trennlinie unserer Zeit. Nicht zwischen klug und dumm, sondern zwischen schnell und tiefgründig. Steve Jobs ist inzwischen nicht mehr unter uns. Er starb 2011 an Krebs, er war erst 56 Jahre alt. Ich fände es eigentlich sehr interessant zu wissen, wie seine Antwort auf diese neue Herausforderung für unsere Gesellschaft gelautet hätte.


Bild:  ©Canva