29.06.26
Der denkende Mensch
Ein vierzigjähriger Mann erhält einen komplizierten Brief von seiner Krankenkasse. Er liest ihn nicht. Er macht ein Foto davon, schickt es ChatGPT und bittet um eine Zusammenfassung.
Eine Studentin muss einen Aufsatz schreiben. Sie bemüht sich nicht, eigene Gedanken zu entwickeln, sondern bittet Claude um einen ersten Entwurf.
Ein Wähler schwankt zwischen zwei politischen Parteien. Die Wahlprogramme zu lesen, findet er zu aufwendig. Stattdessen fragt er Gemini, welche Partei am besten zu ihm passt.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Gehören diese Dinge für Sie auch schon zum Alltag? Ach, aber warum denn auch nicht? Sie müssen sich doch für nichts schämen, oder? Sie machen nichts falsch, Sie nutzen einfach die Hilfsmittel, die zur Verfügung stehen.
Doch was passiert mit einer Gesellschaft, wenn immer weniger Menschen selbst lesen, analysieren und nachdenken?
Vor noch nicht einmal zwanzig Jahren machten wir uns Sorgen wegen des Rückgangs des Lesens. Bibliotheken schlugen Alarm, Lehrer:innen beklagten, dass Kinder weniger lasen, und Verlage sahen ihre Auflagen schrumpfen. Es schien vor allem ein kulturelles Problem zu sein. Wer wird später noch Romane lesen? Wer kennt noch die Klassiker?
Vor zehn Jahren kam ein neues Problem hinzu: Studien wie PISA und PIAAC zeigten, dass sich nicht nur das Leseverhalten, sondern auch die Lesefähigkeit veränderte. Immer mehr Jugendliche und Erwachsene hatten Schwierigkeiten mit längeren Texten, komplexen Informationen und dem kritischen Textverständnis.
Und nun steht die nächste Phase bevor. Mittlerweile haben wir es nicht nur mit einem Rückgang des Lesens zu tun, sondern auch mit künstlicher Intelligenz. Und diese übernimmt in rasantem Tempo all unsere Denkarbeit.
KI schreibt E-Mails, erstellt Berichte, fasst Besprechungen zusammen, erstellt Präsentationen und gibt Antworten auf nahezu jede Frage. Das bringt enorme Vorteile mit sich. Arbeit wird schneller erledigt. Wissen wird zugänglicher. Also hurra, die Produktivität steigt!
Doch hinter diesen Vorteilen verbirgt sich eine unbequeme Wahrheit. Was passiert, wenn Menschen immer weniger selbst denken müssen? Die Evolution lehrt uns, dass Fähigkeiten nachlassen, wenn sie nicht mehr genutzt werden.
Ohne Bewegung lassen die Muskeln nach. Unser Orientierungssinn lässt nach, wenn wir uns ausschließlich auf den Routenplaner verlassen. Das Kopfrechnen fällt uns immer schwerer, wenn jede Berechnung von einem Taschenrechner übernommen wird.
Use it or lose it. Sie kennen sicher dieses berühmte Sprichwort. Warum sollte das beim Denken anders sein?
Lesen ist nämlich viel mehr als nur die Aufnahme von Informationen. Lesen ist ein geistiges Training. Beim Lesen stellen wir Zusammenhänge her, behalten Informationen im Gedächtnis, interpretieren Nuancen, wägen Argumente ab und bauen Wissen auf. Wer liest, trainiert seine Konzentration. Trainiert unmerklich sein Gedächtnis und sein Denken.
Die Leseförderung ist damit nicht mehr nur ein kulturelles Anliegen, sondern wird auf diese Weise zunehmend zu einer Form der kognitiven Pflege. Denn eine Gesellschaft, die liest, hält ihre Denkfähigkeit auf dem neuesten Stand. Und eine Gesellschaft, die nicht mehr liest, läuft Gefahr, dass dieses Denken langsam ausgelagert wird. An das Internet, an Geräte und letztendlich an die Machthaber der Zukunft: die IT-Industrie.
Vielleicht sollten wir uns deshalb ein neues Prinzip zu eigen machen: „Leseförderung hält die Menschen am Denken.“
Nein, nicht die Frage, wie viele Bücher wir noch verkaufen, wird uns in Zukunft am meisten beschäftigen, sondern die Frage, wie wir die Menschen dazu bringen, selbst noch zu denken.
Bild: ©Canva