04.03.26
"Etwas" lesen - nein, das reicht noch nicht!
Kürzlich war ich zu Besuch in einer Schule. Das mache ich regelmäßig; wir möchten so viel Kontakt wie möglich zu unseren Leser:innen halten. Im Klassenzimmer war es wie so oft: Eine Klasse voller Teenager, die in ihren Stühlen zusammengesunken saßen, und auf fast jedem Tisch das gleiche chaotische Bild. Hinten im Klassenzimmer stand ein Tisch mit Lesematerial. Keine Bücher, sondern Comics. Vor allem Donald Duck.
„Lassen Sie sie doch einfach lesen, was sie möchten“, sagte der Lehrer, der gesehen hatte, wohin ich schaute. „Es muss freiwillig sein“.
Und ehrlich gesagt: Auf den ersten Blick sah es recht hoffnungsvoll aus. Jugendliche, die lesen, ohne Zwang, ohne Arbeitsblatt, ohne Test. In einer Zeit, in der Bildschirme dominieren, ist das schon fast ein Sieg an sich.
Dennoch fühlte ich mich nicht ganz wohl dabei.
Natürlich lügen die Zahlen nicht. Wer sich die aktuellen PISA-Ergebnisse ansieht, erkennt, was wir eigentlich schon seit Jahren wissen: Die Lesefähigkeit junger Menschen hat sich erheblich verschlechtert. Corona hat diesen Rückgang sicherlich beschleunigt. Aber die unangenehme Tatsache ist, dass der Abwärtstrend schon lange vor der Pandemie sichtbar war. Das Problem ist tiefer, struktureller. Es wird einfach zu wenig gelesen. Es fehlt die Übung.
Es spricht also einiges für das Lesen dieser Donald Duck Comics, denn schließlich wird durch sie überhaupt gelesen. Doch ist das ausreichend? Auffallend ist, dass die Diskussion darüber, welches Lesen angemessen ist, immer wieder auf die gleiche Weise verläuft. Erst kürzlich in einem Online-Forum: Zwei Lager - das eine plädiert leidenschaftlich für Literatur: Qualität, Vielschichtigkeit, Sprache, die provoziert und herausfordert. Das andere zuckt mit den Schultern. Hauptsache, sie lesen. Was macht es schon aus, was? Einen Comic, eine App, eine Zeitschrift – alles zählt.
Diese Argumentation klingt sympathisch. Vor allem für diejenigen, die wie wir beim Spass am Lesen Verlag täglich mit Jugendlichen und Erwachsenen arbeiten, für die Lesen nicht selbstverständlich ist. Wir werden daher regelmäßig dem zweiten Lager zugeordnet. “Ihr findet sicher, dass es keine Rolle spielt”, hören wir dann. “Alles ist gut, oder? Hauptsache, sie lesen, oder nicht?”
Doch so einfach ist es nicht.
Natürlich: Wenn ein Comic oder eine unterhaltsame Zeitschrift jemandem über die Schwelle hilft, ist das ein Gewinn. Lesen beginnt mit Motivation, mit Erfolgserlebnissen, mit dem Gefühl: Hey, das kann ich. Ohne diesen ersten Schritt passiert gar nichts. Darin sind wir uns alle einig.
Aber wer dabei stehen bleibt, tut den Jugendlichen Unrecht.
Nicht umsonst haben wir so viel vereinfachte Literatur in unserem Bestand. Keine unverbindlichen Texte, kein „Egal-was”, sondern Geschichten mit Inhalt, Spannung und Emotionen – geschrieben in einer zugänglichen Sprache, mit Respekt vor den Lesenden.
Wir glauben an die Stepping-Stone-Theorie. An kleine Schritte. An die Idee, dass man die Messlatte nicht auf einmal hoch legt, sondern immer nur ein bisschen höher. Dass Lesen eine Entwicklung ist, kein fester Zustand. Wenn diese erste Schritte mit einem Comic erreicht werden können – super! Aber danach darf – nein, muss – etwas dazukommen. Mehr Text, mehr Nuancen, mehr Sprache.
Denn Analphabetismus lässt sich nicht durch niedrigere Erwartungen bekämpfen, sondern indem man sie sorgfältig aufbaut. Indem man junge Menschen ernst nimmt. Indem man sagt: Das ist machbar – und der nächste Schritt auch.
Lesen ist wichtig. Aber was wir lesen und vor allem, wie wir jemandem bei der Entwicklung dieser Lesefähigkeit helfen, macht letztendlich den Unterschied.
Bild ©Canva