07.01.26
KI-Buch: Abridged too far...
...und "a bridge too far".
Es ist ein Phänomen, das sich in der „Welt der Bücher” schnell verbreitet hat: Das „KI-Buch“. Ein Buch, das nicht von einem oder mehreren menschlichen Autoren verfasst wurde, sondern von Chat GTP oder einer anderen künstlichen Intelligenz. Man muss nur einen Blick auf die Angebote bei Amazon werfen, um einen Eindruck von dem rasanten Vormarsch der Automatisierung des geschriebenen Wortes zu bekommen. Manchmal sind KI-Bücher deutlich zu erkennen, manchmal nicht. In bestimmten Genres, wie Selbsthilfebüchern oder kurzen Sachbüchern, scheint KI-Nutzung mittlerweile eher Regelmäßigkeit als Ausnahme zu sein. Amazon versucht, gegen diese Entwicklungen mit neuen Richtlinien vorzugehen. Aber der Strom neuer KI-Bücher ist größer, als dass Schleusen aufhalten könnten.
Mensch und Roboter lassen sich als Akteure außerdem nicht mehr so leicht voneinander trennen: Oft geht es nicht mehr um entweder/oder, sondern immer mehr um sowohl/als auch. KI ist genauso oft Pilot wie auch Copilot. Für Autoren, die KI als Hilfsmittel nutzen. Für Buch-Variationen. Für Überarbeitungen. Und auch für Vereinfachungen.
Der Autor selbst verschwindet also nicht von der Bildfläche, aber seine Rolle verändert sich. Er tippt weniger, häufiger fragt er die KI um Rat. Das gilt für literarische Fiktion, aber noch stärker für funktionale Texte: Lehrmaterial, Anleitungen, Sachbücher. Texte, in denen Fakten dominieren. Fakten, die KI gerne recherchiert – auch wenn oft unklar ist, woher die Informationen dann stammen – und das in einem Bruchteil der Zeit, die man selbst dafür benötigt hätte.
Mittlerweile hat diese Entwicklung auch einen Bereich erreicht, in dem der Einsatz von KI lange unmöglich erschien: Einfache Sprache. Unmöglich, weil Einfache Sprache anspruchsvoll und fachspezifisch ist und Kenntnisse der Zielgruppe erfordert.
Seit kurzem gibt es jedoch einen Verlag, der mit Hilfe von KI „Klassiker” in Einfache Sprache umwandelt. Es findet zwar noch eine redaktionelle Bearbeitung der Texte durch einen Menschen statt, aber erst nach der Vereinfachung durch KI. Die Idee dahinter ist klar: Man überspringt geschickt die zeitaufwändigen Schritte des menschlichen Umschreib-Prozesses, kann so die Produktion schnell steigern und in kürzester Zeit viele Bücher veröffentlichen. Allerdings handelt es sich dabei um ältere Bücher von Autoren, die längst verstorben sind und daher keinen Widerspruch mehr einlegen können. Vielleicht würden sich diese Autoren aber in ihrem Grab umdrehen...
Ich habe mir einige dieser von KI vereinfachten Klassiker angesehen. Die Website des Verlags macht kein Geheimnis aus der Nutzung von KI. Ich habe mir einen Titel von Kafka vorgenommen, der von unserem Verlag ebenfalls in Einfacher Sprache erschienen ist.
Auf den ersten Blick scheint die von KI vereinfachte Version passabel zu sein.
Kurze Sätze. Geläufige Wörter. Keine Nebensätze. Die Regeln wurden also beachtet.
Und doch fehlt etwas.
Nicht die Grammatik, nicht gebräuchliche Wörter, sondern das Bewusstsein. Das Bewusstsein dafür, was ein Text mit Leserinnen und Lesern macht. Wo Spannung entstehen kann. Welche Elemente des Textes man weglässt und was behalten werden muss.
Was dort fehlt, ist der Mensch.
Denn Einfache Sprache ist kein technisches Rezept, sondern eine erworbene Fähigkeit. Sie wurde in den letzten Jahrzehnten gemeinsam von Autoren, Redakteuren, Sprachexperten und den Leserinnen und Lesern selbst entwickelt. Sie haben festgestellt, was funktioniert und was nicht. Das ist verständlich, aber immer noch Literatur. Das ist einfach, ohne oberflächlich zu sein.
Die Gefahr liegt nicht in der KI an sich. Die Gefahr liegt in der bequemen Verwendung von KI. In der Versuchung zu glauben, dass Richtlinien ausreichen können. Dass Sprache auf Checklisten reduziert werden kann: Satzlänge, Wortfrequenz, Niveau. Wer so vorgeht, läuft Gefahr, Einfache Sprache zu einer Art „sprachlichem Brei“ zu reduzieren: Glatt, leicht verdaulich, aber ohne wirklichen Nährwert.
Und gerade Leser von Einfacher Sprache haben Besseres verdient. Sie verdienen Texte, durch die sie sich ernstgenommen fühlen. Texte, die nicht nur verständlich, sondern auch aussagekräftig sind. Die Raum für Emotionen, Nuancen und Spannung lassen.
Deshalb ist Einfache Sprache eine schwierige Arbeit. Hemingway hat es schon gesagt: „Easy reading is hard to write.“ Es erfordert Entscheidungen, Erfahrung, literarische Sensibilität. Es erfordert Menschen, die wissen, wie Einfache Sprache funktioniert. Technologie kann dabei helfen, nicht mehr und auch nicht weniger. Sobald wir KI die gesamte Kontrolle überlassen, laufen wir Gefahr, etwas zu verlieren, das mit keinem KI-Modell wiederhergestellt werden kann.
Nicht den Text. Sondern das Vertrauen in ihn. Zum Glück erkennen das auch andere. "Schade nur, dass Künstliche Intelligenz offenbar noch dümmer ist als die Idee" schreibt die FAZ. Auch die Neue Züricher Zeitung kommentiert die Versuche der KI-generierten Vereinfachung mit: "Es gibt dafür sinnvollere Wege als die mutwillige Entstellung von Kunst." Auch The Times titelt hierzu: "Abridged too far".
Ich kann Ihnen versichern: Auch 2026 wird unser Verlag seine Arbeit weiterhin als Handwerk betreiben. Immerhin arbeiten wir als Mitbegründer der Regeln für Einfache Sprache schon seit mehr als 16 Jahren verantwortungsvoll auf diese Weise. Und ich bin zuversichtlich, dass Sie diesen Unterschied auch weiterhin bemerken werden.
Bild: Canva