29.10.25

Ralfs Blog November 2025 Cover

KI im Verlagswesen: Verbündeter oder Bedrohung?

Die Frankfurter Buchmesse war für mich wie jedes Jahr ein besonderes Ereignis. Vier Tage lang taucht man dort in sein Berufsfeld ein und ist umgeben von Büchern und Neuigkeiten aus der Branche und trifft Kolleg:innen aus dem Verlagswesen. Ich freue mich jedes Jahr darauf.

Auf der Frankfurter Buchmesse lag in diesem Jahr jedoch etwas anderes in der Luft. Nicht nur der Geruch von frisch gedruckten Büchern und die Spannung der neuen literarischen Veröffentlichungen war zu spüren, sondern auch eine Art Brummen: das monotone Brummen von künstlicher Intelligenz. Überall, wo man hinging – von der internationalen Agentur-Lounge bis zur kleinsten Start-up-Ecke – drehten sich die Gespräche früher oder später um KI. Aber während der Ton in den vergangenen Jahren noch überwiegend optimistisch war („Dieses Chat GPT ist ja eine spannende Innovation!“), dominierte jetzt in Frankfurt vor allem die Ernsthaftigkeit der Menschen, die langsam erkennen, dass sich ihr Beruf grundlegend verändern wird.

„KI wird keine Jobs ersetzen können”, sagte ein Redner auf einer der vielen Podiumsdiskussionen trocken, „aber die einzelnen Berufe werden sich verändern.” Ein Satz, der mir im Gedächtnis blieb. Denn genau das ist die Zwickmühle, in dem sich Verleger befinden. Auf der einen Seite gibt es das vielversprechende Bild eines intelligenten KI-Assistenten, der Redakteuren Arbeit abnimmt. Auf der anderen Seite bleibt die nagende Frage: Was bleibt vom Handwerk übrig, von der menschlichen Note, die gerade den Unterschied zwischen dem Text und der tieferen Sinnhaftigkeit ausmacht?

Glücklicherweise überwog die Nüchternheit. Der „Hype“ von 2023 und 2024 – als noch jeder die Funktionen von KI als neue Innovation vorstellte – ist vorbei. In diesem Jahr ging es um Verantwortung, um Rechte und Vertrauen. Der Begriff „digitaler Kolonialismus” fiel mehrfach. Deutsche Verleger und Politiker äußerten ihre Besorgnis über amerikanische und chinesische Tech-Giganten, die ihre Modelle mit europäischen Büchern trainieren, ohne eine Genehmigung und ohne dafür zu bezahlen. „Es ist, als würde unsere kulturelle Arbeit ausgenutzt, um die Maschinen anderer intelligenter zu machen”, sagte ein Diskussionsteilnehmer.

Gleichzeitig war Optimismus zu spüren, wenn auch vor allem unter den Tech-Fans. Es wurde dafür plädiert, KI nicht als Bedrohung, sondern als „allied intelligence” zu betrachten: als Verbündeten, der die menschliche Kreativität sogar verstärken kann. Das klang fast schon versöhnlich – als würde sich die Verlagswelt langsam von ihrer grundsätzlichen Abwehrhaltung gegenüber dem Thema KI loslösen.

Dennoch blieb ein gewisses Unbehagen. Denn wie lässt sich das mit dem Urheberrecht vereinbaren? Wie geht man mit einer KI um, die mit Hunderttausenden von Büchern trainiert wurde, bei denen niemand weiß, ob jemals eine Genehmigung dafür erteilt wurde? Darüber gab es eine lebhafte Debatte, die vom Copyright Clearance Center geleitet wurde. Ihr Vorschlag: eine gemeinsame Lizenzvereinbarung, mit der Verlage ihre Veröffentlichungen kontrolliert für das KI-Training einsetzen können. Eine pragmatische Lösung, die die Kluft zwischen Innovation durch KI und dem Urheberrecht schließen könnte.

Aber das tiefere Problem betrifft nicht die Technik oder Lizenzen. Es geht vielmehr um die Identität. Was bedeutet es in einer Zeit Verleger zu sein, in der Maschinen schreiben, übersetzen, zusammenfassen und sogar ganze Bücher redigieren können? In Frankfurt wurde deutlich, dass die Zukunft des Buches nicht nur von Algorithmen bestimmt wird, sondern von den Menschen, die entscheiden, wie sie mit den Algorithmen umgehen.

Vielleicht war das die eigentliche Botschaft dieser Buchmesse: Es braucht keine Angst, auch keine Euphorie, sondern eine gewisse Reife im Umgang mit KI. KI ist nicht länger ein Eindringling in die Welt der Literatur, aber auch nicht ihr Retter. Sie ist ein Spiegel. Und was die Verleger darin sehen, sagt letztlich mehr über sie selbst aus, als über die Technologie.


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