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06.10.26

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Lesen beginnt mit Neugier

Ein Kind, das alles über Vulkane wissen will, aber keinen Roman aufschlägt: Ist das ein unmotivierter Leser? Oder sogar ein „gescheiterter“ Leser? Oder bieten wir ihm vielleicht die falschen Bücher an und wird es Zeit, dass wir den Begriff „sinnvolles Lesen“ einmal etwas weiter fassen?

Diese Frage verdient Beachtung, nachdem die deutschen PISA-Ergebnisse erneut enttäuschend ausgefallen sind. Im Jahr 2025 erreichten etwa 32 Prozent unserer Fünfzehnjährigen nicht das Grundniveau im Lesen. Im Jahr 2018 waren es noch 20,7 Prozent, im Jahr 2022 bereits 25,5 Prozent. Mittlerweile handelt es sich also um fast jeden dritten Jugendlichen, den wir in einem Jahr (denn dann sind sie 16 und gehören zur Zielgruppe der jungen Erwachsenen) bereits als „leseschwach“ bezeichnen können.
Gleichzeitig schrumpft die Gruppe der besonders starken Leser:innen von 11,3 Prozent im Jahr 2018 auf 8,2 Prozent im Jahr 2022 und etwa 7 Prozent im Jahr 2025. Es ist offensichtlich: Das Lesegebäude schwächt sich an beiden Seiten ab und wird, wenn wir nicht aufpassen, langsam aber sicher nach vorne kippen und flach auf den Boden fallen. Genau wie jener berühmte schiefe Turm im Herzen Italiens.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich junge Menschen, die Schwierigkeiten haben, Texte zu verstehen, Informationen zu bewerten und sich selbstständig zurechtzufinden. Unsere Welt ist voller Texte. Eine Bewerbung, eine Gebrauchsanweisung, eine Mitteilung der Behörden: Immer wieder sind die Lesefähigkeiten jedes Einzelnen gefragt.

Auch für unsere Wirtschaft ist das ein Grund zur Sorge. Unternehmen brauchen Menschen, die lernen, Informationen verarbeiten und neue Lösungen entwickeln können. Wenn immer mehr junge Menschen über unzureichende Lesefähigkeiten verfügen, erschweren wir ihnen die Teilhabe an dieser Marktwirtschaft. Und wenn gleichzeitig die Gruppe der starken Leser:innen kleiner wird, nutzen wir immer weniger von dem Talent, das wir doch so dringend brauchen.

Was können wir tun? Guter Leseunterricht ist unverzichtbar. Aber auch die Frage, warum ein Kind lesen möchte, verdient Beachtung.

Eine Studie des britischen National Literacy Trust zeigt, wie wichtig Neugier dabei sein kann. Jugendliche, die in ihrer Freizeit beispielsweise Sachbücher lesen, geben oft an, dass gerade das Interesse an bestimmten Themen für sie die Motivation zum Lesen ist. Das beweist zwar nicht, dass solche Bücher sie automatisch zu besseren Leser:innen machen. Es zeigt jedoch, dass Wissen und persönliches Interesse wichtige Gründe sind, einen Text aufzuschlagen.

Wenn es um Leseförderung geht, denken wir oft zuerst an Geschichten. Das ist verständlich: Eine schöne Geschichte kann eine ganze Welt eröffnen. Aber manche Kinder wollen vor allem wissen, wie diese Welt funktioniert. Warum bricht ein Vulkan aus? Wie lebt ein Raubtier? Was passiert im Weltraum? Wie sieht der Alltag in einem anderen Land aus?

Für sie kann ein Buch der Einstieg sein. In unserer Sprache gibt es dafür ein schönes, positives Wort: Sachbücher. In vielen anderen Sprachen werden solche Sachbücher oft nur als „Non-Fiction“ bezeichnet, eine Bezeichnung, die vor allem sagt, was ein Buch nicht ist. „Sachbuch“ finde ich viel schöner, denn es sagt, was es tatsächlich bietet.

Genau aus diesem Grund werden wir beim Spaß am Lesen Verlag in Kürze mit Sachbüchern in Einfacher Sprache beginnen. Das machen wir mit Herzblut. Wir starten mit einer Reihe zum Thema „Meine Familie kommt aus…“, über Länder wie die Türkei, Syrien und den Iran. Diese Bücher bringen Kindern den Alltag, die Bräuche und Hintergründe dieser Länder näher. Ein Kind kann darin etwas von seiner eigenen Familie wiedererkennen. Ein Mitschüler kann herausfinden, woher die Familie eines Freundes oder einer Freundin stammt. So erhält das Lesen einen konkreten Anlass: etwas über sich selbst oder über den anderen verstehen zu wollen.

Einfache Sprache kann dabei helfen, den Einstieg zu finden. Mit der richtigen Begleitung können die Leser:innen sich dann weiterentwickeln und zu längeren Texten und anspruchsvolleren Themen übergehen.

Diese Reihe ist unser Anfang. Wir möchten weitere Sachbücher herausbringen, die auf die Fragen der Kinder eingehen. Denn auch Staunen, Fakten und Entdeckungen können Lesefreude bereiten.
Vielleicht beginnt lebenslanges Lesen mit einem Roman. Vielleicht beginnt es mit einem Buch über Vulkane. 
Beides verdient einen Platz im Bücherregal.


Bild: © Canva