31.07.25
Lesungen in Einfacher Sprache: Was steckt dahinter?
Robert Weinkauf ist Kulturschaffender im Burglandkreis in Sachsen-Anhalt. Ehrenamtlich ist er auf vielen verschiedenen Veranstaltungen von Musik bis zu Schauspiel präsent. Seit Mitte des Jahres veranstaltet er auch einige Lesungen unserer Bücher. Wir wollten wissen, was ihn bewegt!
Herr Weinkauf, stellen Sie sich kurz vor: Wer sind Sie und was machen Sie?
Ich bin eigentlich seit meiner Jugend im weitesten Sinne Kulturschaffender, bin Veranstaltungsorganisator, manchmal auch "nur" Initiator. Ich habe schon immer das Glück, von Leuten umgeben zu sein, mit denen sich was "reißen" lässt. So gibt es inzwischen seit 35 Jahren das einzige deutsche Festival für mittelalterliche Musik "montalbâne", das ich mit begründet habe, im Moment läuft die 27. Veranstaltungs-Saison des "Musik- und Kulturzentrums Schloss Goseck", für das ich mit einem kleinen Verein maßgeblich verantwortlich bin.
Nebenher bemerkt: Das läuft bei aller Professionalität alles im "Freizeitbereich", also im Ehrenamt, und vor allem im Sinne des Wortes "gemeinnützig". Das ist mein Beitrag für die Gesellschaft, in der ich das Glück habe, leben zu können. Das ist mein Beitrag, das gemeinsame Leben noch schöner zu machen, als es eh schon ist.
Als Sänger und Musiker bin ich seit fast vierzig Jahren in der mittelalterlichen Musik ("Ioculatores", "La Ziriola" und "montalbâne Ensemble") genau so zu Hause wie im "Kammerbeat" (25 Jahre "THE BUT"), seit Kurzem agiere ich auch öffentlich als Liedermacher mit eigenen Werken nach Gedichten zumeist unbekannter Autorinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, und neuerdings bin ich bei uns im Burgenlandkreis zudem als "Vorleser in Einfacher Sprache" zu erleben.
Meine Person verbinden viele Menschen mit dem Schloss Goseck bei Naumburg/Saale und umgekehrt. Das hat sich seit 1998 so ergeben, weil es kaum einen Tag gibt, an dem ich nicht dafür werbe, dafür arbeite, dafür "da" bin. Ich fühle mich dem Ort sehr verbunden, habe für ihn dann auch vor knapp fünfzehn Jahren Leipzig verlassen, wo ich zuvor vierzig Jahre lang gelebt habe, wo ich sozialisiert bin.
Falls inzwischen jemand stutzen sollte: Ja, ich muss natürlich auch Geld verdienen und gehe also auch "ganz normal" arbeiten. Aber auch da genieße ich schon immer das Privileg, eigene Interessen ganz eng mit dem Berufsleben verbinden zu können. Das hat sich nach dem Studium - und letztlich auch begünstigt durch die politische Wende im richtigen Moment - immer so ergeben. Ich habe zum Beispiel viele Jahre lang wunderbare Vertriebe klassischer Musik im Tonträger-Fachhandel der damals so genannten "Neuen Bundesländer" vertreten dürfen und bin heute auf Schloss Goseck neben meiner Vereinstätigkeit auch Mitarbeiter einer Firma, die für die "Kulturstiftung Sachsen-Anhalt" arbeitet.
Was schätzen Sie an Büchern in Einfacher Sprache?
Ich hatte mich mit dem Thema "Einfache Sprache" bereits vor einigen Jahren aus reinem Interesse beschäftigt, was dazu führte, dass ich dann auch an ein paar Projekten beteiligt war, in denen es um pädagogische und museale Angebote in "Einfacher Sprache" ging. Das war mir einerseits wichtig, war aber trotzdem in mir gefühlt etwas "für die anderen".
Nachdem ich vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, der mein Sprachzentrum vorübergehend halbwegs lahm gelegt hatte, merkte ich, wie hilfreich auch mir diese besonderer Form meiner Sprache plötzlich war:
Ich konnte zum Beispiel Nachrichten in "Einfacher Sprache" schauen, was mich zu dieser Zeit in der für mich bis dahin "normalen Form" überfordert hätte, so kurz nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und in der Flut an Informationen, die meine durchgeschüttelten Synapsen gar nicht so schnell richtig sortieren konnten, wie es notwendig gewesen wäre.
In dieser Zeit habe ich ein wirkliches Gefühl für die "Einfache Sprache" gewonnen. Seitdem kann ich mir vorstellen, wie wichtig auch Literatur in diesen Übersetzungen ist, um in zeitweisen oder konstanten Situationen kognitiver Einschränkungen an Büchern, an schönen Geschichten, gar an Weltliteratur teilhaben zu können.
Im vergangenen Jahr besuchte ich deshalb aus Interesse in Naumburg eine Lesung in "Einfacher Sprache". Gelesen wurde das Filmbuch "Honig im Kopf" in der Fassung aus Ihrem "Spaß am Lesen"-Verlag. Der Abend war sehr gut besucht - schon mal ungewöhnlich für eine Lesung, in der nicht prominente Autoren angekündigt sind. Und da sah ich, wie freudig das Angebot angenommen wurde. Und gleichzeitig registrierte ich, dass es vermutlich viel zu wenige solcher Angebote gibt. "Jemand" müsste die also viel regelmäßiger machen. Naja, und dann bin ich halt jemand, der nicht lange nach "Jemand" sucht, sondern selber "Jemand" wird.
Seit April lese ich nun also monatlich - auch dank mehrerer Projektunterstützer, insbesondere der Kulturinitiative "Kumbra" des Burgenlandkreises, aber auch Ihres Verlages - in Zeitz, Goseck und Naumburg Bücher in Einfacher Sprache bei einer immer größer werdenden und vor allem breiter gefächerteren "Fangemeinde".
Wie bereiten Sie sich auf die Lesungen vor?
Da ich mir vorgenommen habe, mich auf Ihr Verlagsangebot zu beschränken, was ja wegen der Vielfältigkeit überhaupt nicht schwer fällt, studiere ich zuerst Ihren Katalog. Ehrlicherweise reagiere ich auch "ganz normal" zuerst auf die Einbandgestaltung, gefolgt von den Buchtiteln, die mir bereits bekannt sind, weil ich sie im Original bereits kenne. Und dann sind da aber auch die, die mir aus verschiedensten Gründen interessant erscheinen und von denen man auf Ihrer Homepage zum Glück immer Kostproben lesen kann.
Außerdem ist Ihr Verlagsprogramm recht gut in meiner Stadtbibliothek in Naumburg vertreten, so dass ich nach einer ersten Intuition ein Buch also erst einmal vollständig lesen kann, um mich dann "final" zu entscheiden.
Da ich monatlich ein anderes Buch auf den drei Stationen der Lesereise zur Hand nehme, ist es auch gar nicht ganz so schlimm, dass ich meistens mehreren Verlockungen auf einmal erliege.
Wenn ich dann "mein Buch des Monats" gefunden habe, geht es ans konkrete Lesen - also die Aufteilung der Charaktere und ihrer Stimmen, die Erfassung der Gesamtstimmung, eventuelle Kürzungen, damit die Lesung nicht länger als eine knappe Stunde dauern, Gedanken zu einer kurzen Einführung am Lese-Abend und so weiter. Und wenn das abgeschlossen ist, sitze ich in meiner Küche und lese laut, bis es mir selber gefällt. Letztlich bin ich bestrebt, als alleiniger "Vorleser" dennoch eine Art "Hörspiel" zu erschaffen.
Und zuletzt hole ich mir eigentlich nur noch meine Belohnung für die Bemühungen ab: Ich gehe raus zu den Leuten, auf die ich mich dann schon freue, und die sich ganz offensichtlich auch auf mich freuen...
Haben Sie ein Lieblingsbuch aus unserem Verlag?
Für eine adäquate Beantwortung dieser Frage ist der Zeitraum meiner bisherigen Beschäftigung damit wohl noch zu kurz. Vielleicht werde ich auch absehbar keine Antwort geben können. Was mich zu Ihnen und in Ihr Angebot geführt hat, ist ja vielmehr dieses weit gefächerte Repertoire, in dem ich mich grundsätzlich sehr wohl fühle, und nicht ein einzelner Titel.
Allein, dass ich in den ersten Monaten vom zeitpolitisch relevanten "Er ist wieder da" über das große Abenteuer um "Moby Dick" und die geradezu philosophische Geschichte vom "kleinen Prinzen" nun bei Shakespeares Liebesdrama "Romeo und Julia" landen und im nebligen Herbst beim "Schimmelreiter" weitermachen kann, macht mir eine Festlegung ungeheuer schwer, bestärkt aber wiederum meine Sicherheit, dass ich für die nächsten Jahre eine ausreichende und sehr gute Auswahl bei Ihnen finden kann!
Und es wird mir aus diesen Gründen auch immer wieder eine Freude sein, auf Ihr Programm hinzuweisen. Da bin ich doch gern so etwas wie ein "Botschafter" für die "Einfache Sprache" und Ihren engagierten Verlag.
Gemeinsam kann man doch so viel erreichen!