01.04.26
Welttag des Buches: Lasst uns den Begriff des Buches neu denken!
Es werden nach wie vor viele Bücher verkauft. In Deutschland beispielsweise schwankt der Marktumsatz seit Jahren um die 9 Milliarden Euro pro Jahr. Es handelt sich also nicht um eine Branche im Niedergang. Und doch verbirgt sich hinter diesen stabilen Zahlen eine unangenehme Wahrheit: Das Lesen steht unter Druck.
Nicht, weil Bücher schlechter geworden sind - im Gegenteil. Sondern weil der Wettbewerb um unsere Aufmerksamkeit in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat. Das Smartphone hat sich in unserer Hosentasche wie ein neues Körperteil eingenistet. Es sorgt für einen unendlichen Strom an Bildern: kurze Videos, soziale Medien, Nachrichtenblitze. Alles schnell, alles flüchtig, alles auf unmittelbare Stimulation ausgerichtet. Und das verdrängt das „altmodische“ Lesen. Denn Lesen - wirkliches Lesen, Bücher lesen - verlangt genau das Gegenteil.
Lesen erfordert Zeit, Ruhe und Konzentration. Es erfordert, dass man sich einer Geschichte hingibt, die nicht nach dreißig Sekunden mit einem Dopamin-Schub belohnt wird, sondern erst nach Dutzenden von Seiten etwas preisgibt. Es erfordert die Stimulation eines besonderen Muskels. Den Konzentrationsmuskel. Und dieser Muskel wird immer seltener beansprucht.
Wir sehen es vor allem bei Jugendlichen, aber genauso gut bei Erwachsenen: eine wachsende Zweiteilung. Auf der einen Seite die Leser:innen – Menschen, die weiterlesen, die Bücher kaufen, die sich in Geschichten verlieren. Auf der anderen Seite eine immer größere Gruppe, die kaum noch ein Buch aufschlägt. Nicht aus Unwillen, sondern weil die Hürde einfach zu hoch geworden ist, die Anstrengung zu groß.
Und genau darum sollte es beim Welttag des Buches am 23. April gehen.
Der Welttag des Buches: Er sollte nicht nur ein Fest für Liebhaber:innen sein. Nicht nur eine Hommage an die Literatur, die Autor:innen und die Buchhandlungen – so wichtig diese auch sein mögen. Sondern gerade ein Moment, um an die Menschen zu denken, die nicht lesen. Oder nicht mehr lesen. Oder vielleicht nie wirklich damit angefangen haben.
Denn Lesen ist mehr als nur Entspannung oder Kultur. Es ist eine Fähigkeit, die sich selbst verstärkt. Wer liest, lernt besser zu lesen. Und wer besser liest, lernt leichter. Bücher verlangen dir mehr ab als eine Zeitung oder eine Nachricht auf deinem Handy. Sie trainieren deine Konzentration, deine Vorstellungskraft und dein Sprachgefühl. Sie bauen langsam aber sicher deine Fähigkeit auf, komplexe Informationen zu verstehen.
Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Gruppe nicht vergessen, die Gefahr läuft, außen vor zu bleiben. Und dazu gehört auch, dass wir den Begriff „das Buch“ erweitern. Nicht nur der dicke Roman oder der literarische Klassiker zählt. Gerade auch die Bücher, die Schwellen senken, verdienen eine Bühne: leicht zugängliche Ausgaben, Einfache Sprache, Hörbücher, Mitlesebücher, Braille-Bücher. Alles, was Menschen hilft, tatsächlich in diese Welt der Geschichten einzutreten.
Denn für diejenigen, denen das Lesen schwerfällt, ist ein Buch meist keine Einladung, sondern eine verschlossene Tür. Der Weltbuchtag sollte der Tag sein, an dem wir diese Tür öffnen.
Bild: ©Canva